Kulturindustrie / Warenästhetik

Rezension: Grigat, Grenzfurther, Friesinger (Hrsg.)...

..."Spektakel, Kunst, Gesellschaft - Guy Debord und die Situationistische Internationale"

Nachdem ich einige Zeit habe verstreichen lassen (Ich behaupte einfach, es sei eine kleine Winterpause gewesen) bis zum nächsten Eintrag, ist hier nun die angekündigte Rezension des Sammelbandes "Spektakel, Kunst, Gesellschaft".

Das Buch versammelt insgesamt sieben Beiträge, die 2005 auf einem unter gleichem Titel veranstalteten Symposium in Wien gehalten wurden. Nach Eigendarstellungen der Autoren haben maßgeblich die Debatten um den (ebenfalls sehr empfehlenswerten) Einführungsband "Situationistische Revolutionstheorie, Vol. 1" von Biene Baumeister und Zwi Negator zur Entstehung des Sammelbandes beigetragen.

Der erste Beitrag, der als knappe Heranführung ebenfalls von Baumeister/Negator verfasst wurde, bietet einen kurzen Überblick über die gängigen - häufig an Marx angelehnten - Begriffe der S.I., versucht einige Parallelen zu Vertretern der Kritischen Theorie zu erarbeiten (wobei hier nach meiner Einschätzung gewisse Themenbereiche - Adornos Klassenverständnis z.B. - überdehnt werden), fragt nach der Aktualität der situationistischen Kritik und leistet eine Kritik an der Ausblendung bzw. Verklärung des National Sozialismus und der Shoa. Letzteres insbesondere ist den beiden Autoren sicherlich hoch anzurechnen, doch hatte ich stellenweise - dies bereits beim Lesen ihrer eigenen Veröffentlichung - den Eindruck, die Kritik an Antisemitismus und NS bleibt ihrer Rezeption der situationistischen Kritik äußerlich und Versuche, die Kritikansätze enger aneinander zu führen bleiben weitgehend aus. Beitrag Nr. 2 ist von Herausgeber Stephan Grigat und beschäftigt sich mit der Rezeption von Marx' Wert- und Fetischkritik bei einem der Hauptprotagonisten der S.I., Guy Debord, sowie seinem Verständnis von Staatlichkeit und Proletariat. Des Weiteren erweitert Grigat die Kritik an mangelnder Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus um eine Kritik des Antizionismus, der - wenn auch marginal - Eingang fand in die späteren Arbeiten der S.I. Sein Beitrag war offensichtlich Anlass für jene kuriose Rezension des Symposiums: http://igkultur.at/igkultur/kulturrisse/1111399032/1111399586 . Einige weiterführende Themenfelder eröffnen im Anschluss noch einmal das Autorenkollektiv Baumeister/Negator. Obwohl ebenfalls um eine Orientierung an der Fetischkritik bemüht, versuchen die beiden die Klassenanalyse von Debord und Co plausibel zu machen. Einige wesentliche Aspekte zu diesem Vorhaben, hat m.E. Lars Quadfasel in seiner Kritik ihres Einführungsbandes auf den Punkt gebracht. Zudem beleuchten sie - diese Komponenten bleiben leider oft in der Rezeption insbesondere Guy Debords Hauptwerk "Die Gesellschaft des Spektakels" unbeachtet - Fragmente der Sprach- und Erkenntniskritik. Einen aktuelleren Bezug der situationistischen Methodik liefert Jungle World-Autor Bernd Beier in seinen Analysen der Protest- und Streikgeschichte in Frankreich von 1968 bis - hier liegt der deutliche Schwerpunkt - 2003. Ob seine Einschätzungen dem Gegenstand gerecht werden, kann ich persönlich nicht besonders gut einschätzen, da mir in dieser Hinsicht der geschichtliche Rückbezug fehlt. Unter dem Titel "Verwirklichen und Wegschaffen. Was die SI mit der Kunst wollte" stellt Eiko Grimberg das Verhältnis der Situationisten zur historischen Avantgarde-Bewegung heraus und erarbeitet anhand dessen ihren Kunst-Begriff. Selbiges in Bezug auf die Literaturtheoretischen Implikationen bei Debord sind im vorletzten Kapitel von Thomas Ballhausen zu finden. In beiden Fällen waren die Texte für mich sehr aufschlussreich und ihre wesentlichen Thesen kann ich anhand der Lektüre von "Die Gesellschaft des Spektakels" bestätigen. Den wohl wunderbarsten Text des Buches liefert Alexander Emanuely. "'Man reiche mir einen anderen Kosmos oder ich krepiere'. Über Einstein, Surrealismus, Schreie und Cravan." ist die kurze Erzählung getitelt. Emanuely lässt eine (wohl mit einem Augenzwinkern als fiktiv zu betrachtende) Schulklasse Vorträge halten zu den Autoren Carl Einstein (Dessen expressionistischen Kurzroman "Bebequin" ich nur jedem empfehlen kann) und Arthur Cravan, sowie dem historischen Surrealismus mit besonderem Hinblick auf seinen subversiven Charakter. Die Kurzgeschichte allein ist den Kauf des Buches wert.

Zusammenfassend kann ich den Einführungsband trotz vereinzelter Mängel jedem ans Herz legen, der eine weiterführende Auseinandersetzung mit den Situationisten sucht, Begleittexte zu Primärquellen braucht oder einfach ein kleines Nachschlagewerk zur S.I. benötigt.

 

Stephan Grigat / Johannes Grenzfurthner/ Günther Friesinger (Hg.)

Spektakel - Kunst - Gesellschaft - Guy Debord und die Situationistische Internationale

256 Seiten, 14 €, ISBN: 3-935843-61-5

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1 Kommentar 28.2.05 17:13, kommentieren