Rassismus / Völkische Ideologie

"...mal richtig zuschlagen zu können." oder: Kreuzberg, dein Volk wird dich befreien!

So ist es in einem Land, in dem der Ruf nach Liberalismus immer schon aufs Engste verknüpft gewesen ist mit der Entfesselung xenophober Menschenfeindlichkeit: "Save Darfur!"-Betreiber Felix Möser (1 , 2) , dessen Bekanntschaft ich ja nun gemacht habe, aber dem ich solchen Exzess eigentlich nicht zugetraut hätte, geht auf Türkenderjagd in "Berlins Problemkiezen, in Wedding oder Neukölln, wo Armut, Arbeitslosigkeit und Ausländeranteil besonders hoch sind". Der neugeborene Liberale verlinkt auf seinem Blog - der sich mehr und mehr als eine Art Tierschutzprojekt für kleine Mohren zu entpuppen scheint - unter dem Titel "Die Kinder des Dschihad" einen Artikel aus dem investigativen  Berliner Tageblättchen "Der Tagesspiegel". Dieser Artikel spricht Felix offensichtlich zutiefst aus der Seele, gibt er doch die Möglichkeit tiefeingesessenen Hass gegen Türken gemeinsam mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu genießen: Über den "Terror der türkisch-arabischen Gangs" wissen die Leserbriefe zu berichten, man habe "wut auf derartiges gesindel", "ENDLICH macht mal eine Zeitung den Mund auf", "mit hartem Durchgreifen" gilt es sich nun der "Pest" zu entledigen - "man redet halt nicht drüber, weil man dann gleich als Nazi dasteht" (Alle Zitate aus den angehängten Leserbriefen). Der Artikel bietet den notwendigen Zündstoff: "Tagesspiegel"-Autorin Katja Füchsel lässt nichts aus, im besten Redaktionsdeutsch zum allgemeinen Volksaufstand gegen "arabisch-türkische Jugendliche" aufzurufen: Hierbei entspricht der Abschlusssatz "„Gegen diesen Gewaltexzess der arabischen Jugendlichen sind unsere Kinder einfach machtlos“, sagt eine Mutter aus Gatow. Erst neulich stand ihr 17-Jähriger, sonst so friedliebender Sohn vor ihr und wünschte sich nach einem Streit in einem Kreuzberger Döner-Imbiss nur eines: Endlich mal richtig zuschlagen zu können." dem oben benannten Aufruf zum "harten Durchgreifen", der Hinweis "Bei den gewalttätigen Jugendlichen ausländischer Herkunft handelt es sich um eine sehr kleine Minderheit – doch es gelingt ihr offenbar zunehmend, unter den Gleichaltrigen Angst und Schrecken zu verbreiten." ist das Pendant zur paranoiden "Nazi"-Vorwurfs-Angst, die den Leser umtreibt.

Man mag von den in dem Artikel geschilderten Vorfällen halten was man möchte. Sofern es bloß im Ansatz stimmt, dass es sich unter Migranten eingebürgert hat, ihrer Ethnifizierung durch die Jagd auf "Scheiß-Deutsche" und "Drecksjuden" Vorschub zu leisten, gilt es dies vehement abzulehnen, der Ruf nach Schutz für die Betroffenen solcher verbalen und physischen Attacken ist zweifelsohne berechtigt, die Emphatie für die benannten antisemitischen Fußtrupps darf nicht einmal den Nullbereich erreichen. Was Felix Möser allerdings im Schulterschluss mit dem Berliner Pogrompöbel betreibt, ist Aufruf zum Amoklauf, die geistige Antizipation eines Rostock-Lichtenhagen - und darin gilt es ihn, sowie jeden anderen Vulgärrassisten auch, wo es bloß geht, zu behindern.

24 Kommentare 30.1.07 14:04, kommentieren

Amokdeutsche laden durch...

Schwere Zeiten sind das. Überall klettern perverse Gefängnisinsassen auf Dächern rum, die "Tabaklobby" (Karl Lauterbach) bedroht Leib und Leben des deutschen Volkes und in jedem zweiten Kinderzimmer bereiten potentielle Massenmörder in Videospielen ihre nächsten Untaten vor.

Nachdem in Emsdetten vor einigen Wochen ein 18-Jähriger in seiner Schule mit mehreren Schusswaffen Randale gemacht hat, stehen wieder einmal die Fragen im Raum: Wer sind die Schuldigen und was können wir gegen sie tun? Das Schlimme an solchen Fragen ist nicht bloß, das es die Falschen sind und dann zu allem Unglück auch meist noch falsch beantwortet werden, sondern vor allem, dass sie regelmäßig in eine gemeinschaftliche Panik eingebettet sind, die die jeweiligen Fälle ("Amoklauf", "Gewalt an Schulen", "Ehemord", usw. sind relativ beliebig untereinander austauschbare und im zweifelsfalle unter "Tragödie" zu subsummierende Kategorien) als bloße Funken in einem 3 km² großen Feld von Feuerwerkskörpern erscheinen lassen. Wenn eine überwiegende Mehrzahl von 82,5 Millionen Menschen als Teilhaber einer Nation eine Sache verurteilt, dann kann ohne Weiteres davon ausgegangen werden, das diese überwiegende Mehrheit sich in dem Objekt wieder entdeckt und bloß umso lauter schreit, je mehr sie sich nach dem Verdammten sehnt. In diesem Kontext betrachtet, erscheint die an dem Vorfall gezielt vorbeiratternde Diskussion um "Gewaltspiele" irgendwie plausibel, wäre es doch ein quasi noch nie dagewesener Zustand, dass aufgrund kollektiver Panik eine individuelle wie kollektive Reflexion eintritt und entsprechende Schlüsse gezogen werden. In der viel wahrscheinlicheren Ersatzdebatte wird eine Teilkomponente zu einer vollkommen monokausalen, aber vielleicht gerade deswegen so massenwirksamen Erklärung zusammengebastelt. Problematisch ist bloß, dass sich mit dem gewählten Erklärungsansatz eine Zielgruppe staatlicher Intervention herauskristallisiert, die etwa die Hälfte bis Drei Viertel aller zwischen 12 und 25 Jährigen umfasst - und das ist eine sehr großzügige, eigenwillige und nicht durch statistisches Material gesicherte Schätzung, wie viele Menschen mehr oder weniger regelmäßig "Gewaltspiele" auf dem Rechner laufen haben. Unter einer solch dämlichen Prämisse erscheint es fast schon als logisch zwingende Folge, dass in den letzten zwei, drei Wochen unzählige Jugendliche und junge Erwachsene von 12(!) aufwärts die Polizei vor der Tür stehen hatten weil sie in Internetforen eingestanden haben, was doch bloß als repräsentativ für eine überwiegende Mehrheit der deutschen Nation im wieder einmal aus der Latenz wach gerufenem Zustand medialer, politischer und gesellschaftlicher Paranoia gelten kann: Sich vorstellen zu können, mit ein paar abgesägten Schrotflinten o.ä. mal richtig die Sau rauszulassen. Ich lade die Leserinnen und Leser an dieser Stelle zu einem kleinen Gedankenspiel ein: Lassen wir doch einfach einmal einen der amokgelaufenen Pappkameraden höchstpersönlich zu Wort kommen. Würde der Abschiedsbrief des Emsdettener Rowdies medial, politisch und gesellschaftlich zum Maßstab genommen und daraufhin eine große, der jetzigen Volkshygiene gegen Counterstrike-Spieler vergleichbare Kampagne losgestoßen gegen all jene, die diesem Mischmasch aus Freiheitsliebe, Xenophobie, Unbehagen gegen bürgerliche Vermittlungsformen und Gewaltgeilheit entsprechen, dann wäre aber ganz schön die Hölle los...

1 Kommentar 28.2.05 17:13, kommentieren