Antiamerikanismus

Einwanderer und amerikanische Gewaltkultur - Deutsche trauern gegen Amerika

Eigentlich ist die Situation wieder einmal klar genug und niemand, der halbwegs klaren Verstandes ist, wäre abscheulich genug, sie für sein eigenes Innenleben zu instrumentalisieren: Ein Schüler einer Hochschule in Virginia erschoss bei einem Amoklauf knapp 32 Menschen, verletzte zwei Dutzend schwer und richtete sich schließlich selbst. Der Vorfall blickt auf eine traurige Tradition zurück, insbesondere in den letzten 10 Jahren ist die Anzahl vergleichbarer Taten gestiegen. Ein solcher Tag, an dem von Betroffenheit bis hin zu Gleichgültigkeit wohl manche Gefühlslage ihre Berechtigung hätte, ist in Deutschland ein nationaler Feiertag: Denn der Täter ist Einwanderer, südkoreanischer Herkunft, jedem Eingeweihten die Bestätigung, dass eine interkulturelle Gesellschaft zum Scheitern verurteilt ist, der Ort des Verbrechens ist Amerika, wie jeder weiß, der internationale Treffpunkt pathologischer Waffensammler und kriegsgeiler Politgangster. Cho Seung-Hui, der 23-Jährige Student, der das Blutbad veranstaltete ist als Einwanderer unter seinen Mitschülern keineswegs eine Seltenheit. Die liberale Waffengesetzgebung der USA könnten als Vertrauensverhältnis zwischen Bürgern gewertet werden. Doch beide Aspekte der Tat sind den deutschen Medien herausschießender Grund zum achtsamen Aufbegehren: Spiegel Online, eines der wohl größten Nachrichtenportale Deutschlands, macht es vor:

"Eigenbrötler, Englischstudent, Einwanderer", so wird der Täter, dessen Motive, so heißt es im direkt folgenden Satz selbst den Ermittlern ein Rätsel seien, im ersten Absatz beschrieben. Es mag schwer nachvollziehbar sein, aber offensichtlich sind solcherart Charakterisierungen das erste, was einem deutschen Journalisten ins Auge fällt, wenn er gemeinsam mit einer überwiegenden Mehrheit der Nation über des Täters Beweggründe sinniert. Aber ist der erste Stein erst einmal geworfen, kann die Jagd auch gleich beginnen: Ein "Beziehungsdrama" könnte der Anstoß gewesen sein, so zumindest verrät es das "Hörensagen". Beiweitem besserer hingegen klingt schon der Sachverhalt, dass der Täter eine Nachricht hinterlassen hat, in der gegen "reiche Kinder, Lotterleben, Scharlatane" gewettert wird, ein Umstand der im völkischen Gemüt ein liebevolles Fünkchen Solidarität aufsprühen lässt, allerdings nur - der individuelle Lustgewinn beim Erschauern vor dem Täter gewinnt in diesem Wechselspiel Gefühle schließlich doch - um den Südkoreaner letztendlich seiner Wahnwitzigkeit zu überführen: "Die neusten Gerüchte: Er habe Medikamente gegen Depressionen geschluckt, sei zunehmend aggressiv geworden. Die "Chicago Tribune" berichtete, Cho sei in letzter Zeit durch seltsames Verhalten aufgefallen. Er sei "aggressiv und verwirrt" aufgetreten, habe Frauen nachgestellt und in einem Wohnheim Feuer gelegt, erfuhr die Zeitung von Ermittlern."

Um den Themenabend beim gemeinsamen Spiegel Online-Horrorkabinett für verdruckste Gewalttäter komplett zu machen, hält die Redaktion eine ganze Reihe themenbezogener Artikel und Onlinevideos bereit: Dem Kopffühler und Bauchdenker besonders aufschlussreich ist ein mit den Worten "US- Waffenlobby: Selbstverteidigung auf die amerikanische Art" getiteler Kurzfilm. Er verrät - so die in dem Kurzzeiler suggerierte Mittleilung - welchem kranken Milieu ein Einwanderer entspringen muss, der in den Besitz zweier Schusswaffen gekommen ist. Der Film zeigt verschiedene Szenen, zunächst ein Söldnertreffen, eine Veranstaltung auf der Waffensammler und -benutzer den Gebrauch üben können. Besonders vielsagend fürs deutsche Publikum ist die Darstellung eines 9-Jährigen, der von seinem Großvater an der MG dazu aufgefordert wurde auf einen Lieferwagen mit der Vorstellung zu feuern, aus ihm stürmten PLO-Anhänger - ein Umstand, der gerade angesichts deutscher Bundeswehrsoldaten, die lieber auf Neger schießen als ein regelrechter Lichtblick erscheinen sollte. Auch abgesehen davon, dass letztere sich schon insofern beim Gebrauch der Schusswaffe dämlicher anstellen, alsdass sie ihre Ausbilder fragen, ob sie den Finger an die Hülsenauswurföffnung halten sollen, ist das Interview mit dem jungen Schützen, amerikanischer Herkunft dem kritischen Blick ein beiweitem angenehmerer Umstand: "Wenn jemand seine Waffe auf mich richten würde oder anders bedrohen würde, dann würde ich ihn wahrscheinlich erschießen." werden seine Worte mit bedrückter Stimme übersetzt, als würde aus ihm - wenn ich bedroht werde, wehre ich mich - der blanke Wahn sprechen. Auch die darauf folgende Darstellung eines Schuldirektors aus Mississipi, dessen Einsatz mit einer Schusswaffe gegenüber zwei Amokschützen von einem Waffenverband mit einer Auszeichnung gewürdigt wird, möchte wohl mitteilen, dass man sich einem Schicksal gegenüber zu beugen hat, anstatt dagegen Initiative zu ergreifen. Man müsste annehmen, dass solches Engagement gerade im Hinblick auf die jüngsten Entwicklungen auch über irgendwelche Schusswaffenvereine hinaus lobend erwähnt wird, aber das wäre vom durchschnittlichen Spiegelleser wohl zu viel verlangt.

Es gäbe einen Haufen plausibler Gründe, die gegen die oben benannte Darstellung sprechen - welcher kleine Junge würde nicht einmal gerne von seinem Großvater zu einem Ausflug aufs Schießgelände ausgeführt werden und ist die Beschaffung einer Waffe innerhalb Europas tatsächlich regelrecht verunmöglicht? - aber solche Reaktionen sind keinerlei Aufklärung zugänglich. Schon vor einiger Zeit schrieb ich in Bezug auf den Amoklauf von Emsdetten: "Wenn eine überwiegende Mehrzahl von 82,5 Millionen Menschen als Teilhaber einer Nation eine Sache verurteilt, dann kann ohne Weiteres davon ausgegangen werden, das diese überwiegende Mehrheit sich in dem Objekt wieder entdeckt und bloß umso lauter schreit, je mehr sie sich nach dem Verdammten sehnt." Dieser Satz beweist in den heutigen Tagen seine traurige Aktualität, bloß ist der Kampf, um den es heute geht, keiner für das enge Zusammenrücken von Volk und Staat, z.B. durch das Verbot von Videospielen, sondern dieser Kampf - und das ist nicht weniger beunruhigend - ist ein kulturelles und politisches Aufbegehren gegen die neue Welt.

2 Kommentare 17.4.07 23:58, kommentieren

Kommentar: "...die Einstellung des Autors gegenüber den Deutschen."

Meine Streifzüge durch das Warenuniversum von Amazon.de hat mir einen netten Einblick in das Weltbild seiner Redaktion beschert. Dan Diners "Feindbild Amerika" , eines der Standartwerke über deutsch-europäischen Antiamerikanismus, ist seitens der amazon.de-Redaktion mit einer Rezension gewürdigt worden: Nun liegt es im Wesen der projektiven Amerikafeindlichkeit, sich selbst als durch und durch realistisch, seine Kritiker allerdings als verkorkste Störenfriede zu betrachten. Horchen wir den Worten des Rezensenten und erleben wir wie ein lebloser Gegenstand - ein Buch - Macht über seinen Leser gewinnt und ihn geschickt und doch willenlos zur Weißglut treibt:

"Den Deutschen schlechthin als notorischen Antiamerikanisten abzustempeln, erscheint realitätsfremd. Denn die deutsche Jugend findet ihre Idole in der amerikanischen Popkultur, ihre Eltern huldigen der amerikanischen Lebens- und Unternehmenskultur und ihre Großeltern verdanken die Wiederherstellung und Bewahrung von Frieden und Demokratie der amerikanischen Freiheitskultur. [...]"

So schwatzt die deutsche Ideologie aus ihren Sprachrohren, so verklärt ein legitimer Nachfolger des Volksgenossen sein eigenes Unbehagen und das aller anderen in echte, hoch beschworene Sympathie. Solcherlei "Lippenbekenntnisse" (Dan Diner) greifen bereits vor auf das was noch kommen soll. Lauschen wir also weiter, wie der Rezensent ungewollt Diners Ausgangsthese bestätigt:

"Der Deutsche war, ist und bleibt im Wesentlichen antijüdisch und antimodern -- ergo antiamerikanisch. Und er steht damit in einer langen Tradition, die bis in die Romantik zurückreicht. So lautet, überspitzt formuliert, die These des in Jerusalem" - Anmerkung: Gemeint ist hier, was Antisemiten seit jeher meinen, wenn sie ihre imaginierten oder tatsächlichen Kontrahänten aufdeckenderweise als "der Jude Freud", "der Jude Heine", usw. beschreiben - "und Leipzig" - und frecherweise auch noch in Deutschland, möchte er sagen - "lehrenden Professors, zu deren Untermauerung ihm noch die geistesgeschichtlich unbedeutsamsten Wirrköpfe als Kronzeugen gerade recht kommen."

So etwas zu lesen macht wenig Freude, in solchen Sätzen reproduziert sich auf wenigen cm der gesamte Katalog amerikafeindlichen bis hinreichend antijüdischen Heimatschutzes. Aber ich möchte Zurückhaltung üben und Amazon-Redakteur Roland Detschs Abschlussworte für sich selbst sprechen lassen:

"Als wirklich kritikwürdig an den USA fällt Diner eigentlich nur die Todesstrafe ein. Dass die zweifellos bewahrenswürdigen amerikanischen Ideale durch das Grassieren von Rassismus, protestantischem Fundamentalismus, missionarischer Intoleranz, penetrantem Patriotismus, weltanschaulichem Manichäismus, imperialer Selbstherrlichkeit oder unilateraler Selbstgerechtigkeit konterkariert werden, übersieht er geflissentlich. Ähnlich wie beim Totschlagsargument Antisemitismus in der Diskussion über Israel wird hier jegliche auch noch so konkrete Kritik sozioökonomischer und politischer Missstände über den Antiamerikanismus-Kamm geschoren."

Wer möchte da noch mehr verlangen? Roland Detsch ist das Paradebeispiel eines neudeutschen, autoritätsfixiert-libertären Amerikahassers, dem die Verhältnisse einen imaginären Maulkorb überstülpen: "Penetriert" von Amerikaflaggen, die mehrere tausende Kilometer über dem Ozean in Vorgärten wehen, schwer beleidigt darüber, dass sich die doofen Amis gar nicht um ihn und seine identitätsgestörte Nation kümmern oder ihnen - wenn überhaupt - bloß mit "missionarischer Intoleranz" und "imperialer Selbstherrlichkeit" begegnen. Aber da haben die Amis und ihre, in Jerusalem und Leipzig lehrenden Professoren ja nicht mit dem kruppstahlharten Roland Detsch gerechnet, denn der lässt sich vom "Totschlagargument Antisemitismus" in seiner "noch so konkreten Kritik sozioökonomischer und politischer Missstände" nicht überrollen sondern überführt die abstrakt daher redenden Kritiker konkret, sachlich, präzise und ohne Umschweife ihrer Volksfeindlichkeit:

"Über die Beständigkeit eines Ressentiments lautet der Untertitel des Buches -- und charakterisiert damit unabsichtlich die Einstellung des Autors gegenüber den Deutschen."

9 Kommentare 25.1.07 16:02, kommentieren