Antisemitismus

Bigmouth dreht frei!

Obwohl ich bigmouth' dissidente Art durchaus zu schätzen weiß, ist seinerseits mit diesem Beitrag ein Bereich betreten, für den ich ihm gut und gerne links und rechts eine runterhauen würde. Bigmouth nimmt die MySpace-Freundesliste von irgendeinem Antideutschen zum Anlass, einen - wahrscheinlich sogar als Tabubruch vorgestellten - Antisemiten-Jargon an den Tag zu legen, wie ich es ihm - bei aller Skepsis gegenüber seinen Grenzgängen - nicht zugetraut hätte. Nicht bloß, dass er die Einzelperson David Ha'ivri, die er als "Faschisten" versteht zum Anlass nimmt, von einem "israelischen Faschismus" zu schwadronieren, wie es manch einem linken Antisemiten helle Freude bereiten würde, bigmouth nutzt sogar freudig die Gelegenheit endlich einmal einen Israeli in die Nähe des Nazi-Presseorgans "Der Stürmer" zu rücken. Solche Statements haben nichts mit einer Beurteilung rechtsorientierter Flügel der israelischen Gesellschaft zu tun - von denen es sich hierzulande so oder so ganz einfach fernzuhalten gelten sollte - sondern sind billige Propaganda, die einzig dem Zwecke dienen soll, eigenem Ressentiment gegen Sympatisanten Israels Luft zu machen - und für sowas auf "israelischen Faschismus" zu rekurieren, kann für mich durchaus ein Grund sein, jemandem das gute Verhältnis aufzukündigen. Bigmouth, mach dir mal tüchtig Gedanken!

6 Kommentare 22.1.07 00:06, kommentieren

Rezension: Ulrich Enderwitz...

..."Antisemitismus und Volksstaat - Zur Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung"

Enderwitz Analyse des modernen Antisemitismus im Allgemeinen und dem nationalsozialistischen im Besonderen fußt im Wesentlichen auf der These, das der Judenhass ein verschobener Krisenreflex auf ökonomische Erneuerungsschübe und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten ist. Enderwitz zufolge dienen die verschiedenen Darstellungen der Juden - er erläutert anhand drei verschiedener Judenbilder - in erster Linie jenen Gesellschaftskreisen, die eine unmittelbare Konfrontation von gesellschaftlichen Interessenkonflikten umgehen möchten. Die Genese des nationalsozialistischen Antisemitismus versucht er anhand des ambivalenten Verhältnisses des preussischen Staates in seiner Funktion als Garant der späten industriellen Kapitalakkumulation zur damit auftauchenden bürgerlichen Klasse zu erklären. Seine These lautet, das mit dem Fehlen einer eigenständigen bürgerlichen Klasse, der preussische Staat - eine bei ihm als nahezu apersonal dargestellte Kategorie - den Antisemitismus als anti-bougeoises Integrationsvehikel nutzt und ihn somit zur Staatsräson verfestigt. Aus dieser Integrationsleistung resultiert dann auch das politische Bündnis aus Kapital und Arbeit, das für den Nationalsozialismus kennzeichnend ist, welches widerum das Abstraktum "Jude" braucht um jenes widersprüchliche Verhältnis zu überbrücken. Eine genauere Erläuterung, wie es zur Totalisierung des Antisemitismus kommt, bleibt Enderwitz seinen Lesern schuldig. Die wohl recht waghalsige These, dass sich in Folge der Kriegssituation eine Quasi-Eigendynamik des Antisemitismus einstellt, der in Folge der alliierten Verteidigung eine Konkretisierung findet und somit als Wahnbild des bolschewistischen und westlich-universalistischen Juden zur Vernichtung treibt, dürfte kaum hinreichend sein.

Enderwitz Arbeit ist ein großartiger Beitrag zur materialistischen Antisemitismuskritik und beleuchtet in Ergänzung der gängigen - zumeist auf Moshe Postone's primär ökonomieorientiertem Essay "Nationalsozialismus und Antisemitismus" basierenden - Ansätze das Verhältnis von Staatlichkeit und Antisemitismus. Leider kommt auch Enderwitz - ähnlich wie Postone - nicht an der Rationalisierungsfalle vorbei und so scheint es streckenweise, als wäre der historische Antisemitismus lediglich als staatliches Ablenkungsmanöver bzw. verschobenes Rebellionspotential zu denken. Eine These, die sicherlich um wesentliche Erkenntnisse der Antisemitismusforschung von Adorno/Horkheimer, Goldhagen, u.ä. zu erweitern wäre, ansonsten Gefahr läuft, einer mechanistischen Antisemitismusauffassung Vorschub zu leisten.

Ulrich Enderwitz

Antisemitismus und Volksstaat - Zur Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung
1998, 203 Seiten, 12 €, ISBN: 3-924627-28-2

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