Wer nicht hören will, ...

"Beurteilt man Israelkritik anhand dieser Maßstäbe, muß sie sich nur dann dem Antisemitismusvorwurf aussetzen, wenn sie eines der folgenden Kriterien erfüllt: (...) 3. die Beurteilung der israelischen Politik mit einem doppelten Standart: Man verurteilt bestimmte politische Maßnahmen in Israel, jedoch in anderen Ländern nicht"

Aribet Heyer/Julia Iser/Peter Schmidt - "Israelkritik oder Antisemitismus? Meinungsbildung zwischen Öffentlichkeit, Medien und Tabus"

Dort, wo das "identitäre Bedürfnis" (Clemens Nachtmann) den Gedanken dirigiert, ist sachliche Argumentation wertlos. Den Diskutanten, dem es nicht darum geht, eine bestimmte Ansicht argumentativ aus dem Weg zu räumen, sondern darum, ihren Verfechter mundtot zu machen, leitet nicht der kritische Gedanke sondern der Wunsch nach Überlegenheit. So erfüllt es manchen mit größter innerer Freude, wenn es ihm gelingt, eine Diskussion, die er selber abgebrochen hat, wenige Minuten später als Sieg zu bejubeln, indem er sich vor anderen Leuten damit brüstet, den Gesprächspartner "zum Schweigen" gebracht zu haben. Die Ausgangsfrage einer Diskussion des Wochenendes hätte mir bereits Auskunft darüber geben können, welche innere Antriebskraft der weitere Gesprächsverlauf und -abbruch haben wird. Ob ich "Drogen genommen" hätte, wurde ich gefragt, bevor ich - recht treffend, wie ich unterstreichen möchte - Indymedia als "Scheißplattform für linksnazistische Freizeitgestaltung" bezeichnete, als dort zum wiederholten Male ein Aufruf zum Boykott der Handelskette "Galeria Kaufhof" im Zuge der von ihnen veranstalteten "Israel-Wochen" über mehrere Tage "diskutiert" wurde. Bigmouth, der sich schon das ein oder andere Mal darin gefiel, anhand rechtskonservativer Siedlerparteien von "israelische[m] Faschismus" zu tönen, konnte meine "Auffassung", wie er es liebevoll nannte, nicht teilen. Seiner Einschätzung nach würde sich darin kein handfester Antisemitismus artikulieren - es fehle der entsprechende "Kontext" - sondern lediglich ein linkes Fauxpas, eine Nicht-Beachtung von Relationen, was zudem ja keineswegs der rationalen Grundlage entbehre: Kein westlich-demokratischer Staat würde etwas der "Kolonialpolitik" Israels qualitativ entsprechendes heutzutage aufrecht erhalten - das sprenge den Rahmen "kapitalistischer Normalität". Zynisch genug, dass nun ausgerechnet bigmouth darüber entscheidet, was "kapitalistische Normalität" ausmache - die Armenviertel vor Hongkong, der fortschreitenden psychische Zerfall in den westlichen Staaten, die, laut UNICEF, 190,7 Millionen Kinderarbeiter? - beansprucht er auch noch, darüber zu urteilen, in welchem Maße sich die systematisch durch Kapital und Staat vorangetriebene, globale Verelendung im Einzelnen qualitativ voneinander unterscheidet. Er weiß also, was in dem kaum zu benennenden Irrsinn, der tagtäglich die Menschen knechtet nunmal dazugehört und was nicht. Doch wie jeder, dem der Zynismus besonders dann leicht fällt, wenn es um Israel geht, wusste bigmouth auch dafür die passende Antwort: Nicht um Ausbeutung ginge es - weder ihm noch den Verfassern des oben genannten Boykott-Aufrufes - sondern um "Völkerrechtswidrigkeit", die die "Expansionspolitik" seit 60 (sic!) Jahren, insbesondere seit 1967 ("Wir werden Palästina nicht betreten, solange sein Boden mit Sand bedeckt ist. ... Wir betreten es erst, wenn sein Boden mit Blut getränkt ist." - Gamal Abdel Nasser, 1965) darstellen würde. Und darin - das wäre klar - unterschiede sich Israel, das sich als Teil der westlich-demokratischen Welt "verstehen"(!) würde, von allen anderen westlichen Staaten nach 1945. Es wäre zu viel verlangt, dass jemand, dem die globale Situation von Menschenzerschindung im Kopf schon zur "kapitalistischen Normalität" geworden ist, das Argument gelten ließe, dass wohl jeder westlich-demokratische Staat auf eine Genese von unmittelbarer Gewalt zurückblickt. Auch, dass es wohl keinem Staat der Gegenwart, der sich in einer vergleichbaren Ausnahmesituation befinden würde, gelingen würde, den bürgerlichen Status Quo aufrecht zu erhalten, wie es in Israel der Fall ist, muss schon zu viel sein der Spekulation. Dabei wäre hier Begriff der "Ausnahme" dann sogar einmal treffend, denn kein einziger Staat außer Israel wird wohl in Regelmäßigkeit von der Weltöffentlichkeit betreffend seiner physischen Existenz diskutiert. Historische Fakten aber wie den Vietnamkrieg als "Polizeieinsatz" zu verniedlichen und wie z.b. den Algerienkrieg einfach unter den Tisch zu kehren, dazu bedarf es schon einer ganz besonders perfiden Wahrnehmung des Weltgeschehens. Es ist abscheulich genug, die Situation der zionistischen Einwanderung nach Palästina im 20. Jahrhundert in irgendeiner Art und Weise mit anderen historischen Konstellationen abgleichen zu wollen - als wäre nicht die Shoa der vollzogene Durchbruch "kapitalistischer Normalität", als dessen unmittelbare Folge Israel begriffen werden muss. Dies aber dann auch noch inhaltlich falsch zu betreiben, das lässt sich wohl nur noch aus dem Wunsch nach Rückkehr in die Wiege linker Boykottharmonie erklären.

Doch genug zu bigmouth Herumwerkelei mit Geschichte, es sei noch einmal die Frage nach dem antisemitischen Gehalt des Boykottaufrufes der div. Initiativen ins Auge gefasst. Es ist fragwürdig genug, in Zeiten, in denen britische Universitäten zum akademischen Boykott Israels blasen, am antisemitischen Gehalt inhaltlich nahezu identischer Aufrufe zu zweifeln. Genauer: Es ist so ein Aufruf bereits eine Perversion, die um einen objektiv antisemitischen Gehalt gar nicht herumkommt, nachdem SS-Schergen vor jüdischen Geschäften den Boykott als antisemitisch-politisches Unterdrückungsmittel historisch etabliert haben. Ein solches kategorisches Urteil ist dem differenzierten Antizionismus natürlich nicht abzugewinnen. Da es sich nun wieder einmal um jüdische Friedensinitiativen - die jüdischen Antisemiten von "Gush Shalom" ("Palästina war nicht leer – weder zum Ende des 19. Jahrhunderts und noch zu irgend einer anderen Zeit. Zu jener Zeit lebte eine halbe Million Menschen in Palästina, 90% davon waren Araber. Diese Bevölkerung war natürlich gegen das Eindringen eines anderen Volkes in ihr Land." ) und der "Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden", die noch jede Hisbollah-nahe Friedensdemonstration begleitet haben - handelt, ist jeder Verdacht des Antisemitismus im urdeutschen Vertrauen auf die überdurchschnittliche Auffassungsgabe des Juden erst einmal passé. Es seien trotzdem im Folgenden noch einmal die nahe liegenden Argumente dargelegt, in der Hoffnung, dass bigmouth ihren substantiellen Gehalt anerkennt, wenn sie schwarz auf weiß vor ihm liegen.

Die Versuche, den Antisemitismus einer Aussage oder eines Textes nachzuweisen - darauf zieht sich natürlich, wer krampfhaft darum bemüht ist, den antisemitischen Gehalt systematisch zu relativieren, nur all zu gerne zurück - kommen ohne ein Moment der Ungewissheit nicht aus. Gerhard Scheit schreibt dazu:

"Zu fragen wäre, worin oder wodurch Antisemitismus überhaupt beweisbar sein kann, schließlich handelt es sich hier nicht um eine mathematische Gleichung, sondern um eine pathische Projektion. (...) Allein darum, weil das Identifizieren selbst dem wahnhaften Bewußtsein entspringt, ist die Suche nach den Motiven immer mehr als eine detektivische Aktivität; als ideologiekritisches und zugleich psychoanalytisches Verfahren kann sie von einem spekulativen Moment nicht absehen – selbst dort, wo wirklich alles manifest geworden ist."

Anstatt dieses Dilemma in seiner Tragik zu benennen, geht es Leuten vom Schlage bigmouth darum, die eigene Ignoranz gegenüber dem Judenhass zu rationalisieren: Dort, wo nicht die Mehrheit sich einig ist, es mit Antisemiten zu tuen zu haben, ist die Behauptung, Antisemitismus läge vor, reine Willkür, Pessimismus des Betrachters, letztendlich Diffamierung. Gerade darum kann jemandem, der es nicht sehen möchte, nicht "bewiesen" werden, dass Boykott als politische Agitation gegen Juden und Israel bereits einen antisemitischen Kern aufweist. Obwohl in der Argumentationslogik der Boykottforderung bereits die Ignoranz gegenüber der alltäglichen Gewalt in Geschichte und Gegenwart angelegt ist und somit das wohl wesentlichste Moment des Antisemitismus - Personifikation des abstrakten Ausbeutungszusammenhanges und Fokussierung des darüber entwickelten Zorns auf die Juden oder Israel - wiederholt wird, wird der Antisemitenverteidiger nicht vor Herunterrederei zögern, ehe der Antisemit vom "ewigen Juden" schwadroniert. Die Anlage einer solchen Argumentation wird nunmal erst dann dingfest, wenn z.B. gezielt die politische Zusammenarbeit mit den erklärten Feinden Israels - von Indymedialeserschaft bis zur palästinensisch-deutschen Friedensdemonstration - gesucht wird. Der Appell an das Ressentiment offenbart die Wesensgleichheit mit ihm selbst. "Nur", weil da eine Analogie vorläge, läge noch lange kein Beweis vor, sagt bigmouth. Henryk M. Broder, der von der gespaltenen Wahrnehmung des Antisemiten mehr verstanden hat als er, der es sich von Moishe Postone hätte erklären lassen können, polemisiert unter dem Titel "Völkerrechtswidrige Kichererbsen bei Kaufhof" gegen die Boykottinitiativen:

"Denn der Antisemit findet immer einen Grund, sich in Stellung gegen die Juden zu bringen. Nicht was der Jude tut oder unterläßt, regt auf, sondern dass es den Juden gibt.
Zu dem Martyrium der bulgarischen Krankenschwestern und des palästinensischen Arztes in Libyen fiel ihm nix sein, nicht einmal nachdem der Ghaddfi-Sohn zugegeben hatte, dass der ganze “Prozess” eine Farce war, um Vorteile für Libyen zu erpressen, Er ruft auch nicht zu einem Boykott chinesischer Produkte auf, obwohl China seit 1950 Tibet besetzt hält, und wenn man ihn nach der Geschichte Kaschmirs oder der Westsahara fragen würde, müßte er die Begriffe erst einmal googeln. Nur bei Palästina, da weiss er bescheid. Da läßt er sich kein P für ein J vormachen. Und haben Oma und Opa noch in ihrer Freizeit “Juden raus nach Palästina!” gespielt (ein beliebtes Würfelspiel wie “Mensch ärgere Dich nicht" ), so ruft er heute “Zionisten raus aus Palästina!” und hört nicht, wie es aus ihm tönt."

Das Kriterium, das allen Antisemitismusforschern seit jeher im Halse stecken bleibt, weil es die "detektivische Aktivität" (Scheit) durchbricht, erweist sich als eines der wenigen, welches überhaupt noch Geltung für sich beanspruchen kann, seit Antisemitismus zur "Israelkritik" gemausert ist und nur noch dann seine Fratze dem letzten Zweifler herzeigt, wenn die selben Leute, die eben noch mit Pragmatismus die wirtschaftliche Isolation Israels o.ä. fordern, sich urplötzlich unter Libanonflaggen zusammenfinden und damit ihr tiefstes Einverständnis mit den Belangen islamistischer Antisemiten demonstrieren.

Bigmouth kann, wenn ihm das Freude bereitet, weiterhin in der Gegend herumerzählen, er hätte mich "zum Schweigen gebracht" und zwei, drei zur Sophistik zusammengekleisterte Argumente dem nächsten Menschen vorlegen, der eine Diskussion nicht einfach ausschlagen möchte. Vielleicht ist er beim nächsten mal dennoch so nett, sich zum Gegenstand solcher Zankerei nicht Themen zu wählen, deren Ernsthaftigkeit persönlichen, diskursiven Schabernack allemal überragt.

20.8.07 15:46

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