Ideologiekritik statt Antirassismus

Da es nun insbesondere aufgrund meiner Attacken gegen den Heimatschutz der Achse Leipzig-Ruhrgebiet-Berlin zu der ein oder anderen Diskussion (1, 2) gekommen ist, möchte ich einige Gedanken zum Begriff des "Antirassismus" in Abgrenzung zu einer ideologiekritischen Theorie nationaler Vergesellschaftung äußern.

Im Speziellen möchte ich ein Zitat aus den benannten Diskussionen herausgreifen, das mir als repräsentativ erscheint für ein breiter angelegtes Unverständnis in Fragen der Rassismuskritik:

Da wäre der Benutzer "d-land killen", den es schwer geärgert hat, dass ich den "Tagesspiegel"-Artikel nicht bloß im Hinblick auf seine deutschrassistischen Implikationen kritisiert habe, sondern auch in Bezug auf die darin geschilderten Vorfälle eine Kritik an jenen Stadtteilmilizen geäußert habe, die sich auf Deutschen-, Homosexuellen- oder Judenjagd begeben und meine Solidarität mit den Opfern deutlich gemacht habe. Er schreibt:

"Der rassistische Wahn Deutscher Volksgenossen braucht keine reale Entsprechung; es geht schlicht darum Rationalisierungen für den eigenen Vernichtungswahn zu finden. Migrantische Jugendliche verhalten sich genauso scheisse wie ihre volksdeutschen Unterschichts-Pendants, na und? Wer da wirklich Schutz braucht, um nicht zusammengeschlagen, eingesperrt, gefoltert, abgeschoben oder verbrannt zu werden steht doch außer Frage."

Ich glaube, dass insbesondere in einem solchen Rassismusverständnis die geballte Ladung antirassistischer Ideologie zum Ausdruck kommt: Der "Ausländer" ist passiv, Objekt seiner Umgebung, in Permanenz von Abschiebung und fremdenfeindlicher Gewalt bedroht und - bei aller Realität, die diesen Gefahren selbstverständlich zukommt - nicht handelndes Subjekt, mit freiem Willen ausgestattet und in der Lage zu einem von seinem Status als Migrant unabhängigen Denken: Es ist der Ausländer, wie ihn Staat und Kapital gerne zurichten würden, nicht aber der Mensch, wie er in der Realität mit mannigfaltigen Unterschiedlichkeiten erscheint. "d-land killen" wendet anstelle eines solchen kritischen Einblickes in die Realität Denkmuster auf die rassistische Projektion an, wie sie meiner Einschätzung nach berechtigterweise dem Antisemitismus vorbehalten sind: Denn der Antisemit lebt tatsächlich in einer Traumwelt, in der die äußere Wirklichkeit lediglich Material ist, Material um die innere Welt beisammen zu halten. Seine Rückgriffe auf tatsächliche Begebenheiten sind absolut marginal und sind bloße Anlässe, Mord und Totschlag vorzubereiten. Dies gilt für den Rassismus eben bloß in begrenzter Weise: Auch in ihm spiegeln sich innere Konflikte des Subjektes wider, so viel steht außer Frage. Der Unterschied liegt bloß in einem Sachverhalt begründet, den der Antirassismus nicht - oder nur sehr bregenzt - zu fassen in der Lage ist: Die Parzellierung der Menschheit in Staaten, Völker und Nationen ist eine Realität, eine sehr wohl auf Ideologie begründete - und somit paradoxe - Realität, aber eben eine tatsächliche Begebenheit. Darin ist - das steht völlig außer Frage - der Rassismus vorprogrammiert und kein Mensch würde abstreiten wollen, dass Kräfteverhältnisse sich häufig gegen ökonomisch Schwächere und gegen Minoritäten richten: Das ändert aber nichts an dem Sachverhalt, dass in diesem Prozess der Selbstaufgabe nicht eine durch und durch klare Täter/Opfer-Konstellation wie im Antisemitismus vorherrscht, sondern dass das Täter/Opfer-Verhältnis ein Dynamisches ist. Konkret auf den Frage nach Kleinmilizen, die von ihnen als Juden, Homosexuelle oder Deutsche ausgemachte Individuen durch die Gegend jagen, bedeutet dies, dass ihre Opfer eben sehr wohl Schutz und Solidarität erhalten sollten, auch wenn die Kleinmilizen ihrerseits rassistischer Bedrohung ausgesetzt sind. "d-land killen"s Einwand, migrantische Jugendliche würden sich "genauso scheisse" wie ihre deutschen Schicksalsgenossen verhalten, habe ich in Teilen schon in dem darauf folgenden Kommentar beantwortet, ich möchte nichtsdestotrotz noch einmal den dort geäußerten Gedanken aufgreifen: Im Gegensatz zu ihm bin ich der Ansicht, dass es durchaus Unterschiede gibt in den Kollektivierungsformen sich Deutschland oder anderer Nationen zugehörig fühlender Jugendlicher: Dazu ihren Beitrag haben eben die verschiedenen Rahmenbedingungen, wie sie das Schicksal von Migranten und Deutschen qua staatlichen und gesellschaftlichen Diktat zumeist charakteristisch unterscheiden, also von Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht bis hin zum Bildungsgrad, die primär polit-ökonomischen Unterschiede. Da diese Umstände allerdings m.E. häufig eine Überbetonung erfahren, möchte ich insbesondere einen Blick werfen auf den der individuellen Entscheidungsfreiheit überlassenen Aspekte: Dafür wichtig erachte ich insbesondere die Frage nach dem was ich selbst-ethnifiziernde Maßnahmen nenne. Die Frage, ob jemand einer staatlichen Nationalität zugehörig ist, stellt sich für ihn zunächst einmal nicht, denn diese Entscheidung übernimmt im Regelfall die Gewalt des Souveräns. Die Frage allerdings, inwieweit sich jemand damit bereit ist zu identifizieren, stellt sich für jede Person selbst und wirft - sofern die Frage zugunsten der Identifikation beantwortet wird - entsprechende Fragestellungen in Bezug auf die Definition auf: Was ist Land, Volk, Nation und wie errichte ich meine Zugehörigkeit? Gemäß der Dialektik von Einschluss und Ausschluss ist die Jagd auf "Kanaken" und "Behinderte" hier gewissermaßen schon vorweggenommen. Nichtsdestotrotz ist diese Allgemeinheit im Prinzip Nation keineswegs der letzte Schluss und sollte nicht zu der Fehlannahme führen, der nationale Ausschlussprozess verlaufe immer und überall identisch: Dieser Fehlannahme läuft z.B. der antinationale Israelijäger auf, wenn er die Unterschiede zwischen der IDF und der deutschen Wehrmacht schlicht und einfach zugunsten oberflächlich gehaltener Plattitüden einzementiert.
Doch diese Unterschiede sind eben nicht erst in den größeren geschichtlichen Zusammenhängen zu finden, sie sind mit dem individuellen Handeln vermittelt: In Bezug auf die Differenz zwischen Unterschichtenkids deutscher oder migrantischer Herkunft gilt dies in ähnlicher Weise: zu nennen wäre z.B. der Sachverhalt, dass sich deutsche Jugendliche weit häufiger zu explizit dem deutschen National Sozialismus verpflichteten Kleintrupps zusammenschließen, während dies bei russischen oder türkischen Migranten eher weniger der Fall ist, sie sich eher als Nationalisten in Bezug auf ihre Herkunftsländer verstehen und entsprechend eine eigene Konstellation von Feindbildern aufweisen, wie sie z.B. im Jargon vom "Schinkenfresser" oder der Aversion russischer Migranten gegen Afrikaner und Araber zum Ausdruck kommen.

Bleibt also abschließend zu sagen, dass Antirassismus nicht - bzw. bloß sehr begrenzt - von seiner Neigung abzutrennen ist, existierende Realitäten einer in Völker getrennten Menschheit zu bejahen und mehr als bloß häufig Menschen in ihrer nationalen Borniertheit festzementiert, anstatt eben diese Borniertheit einer Kritik zu unterziehen.

14.2.07 16:18

bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


bigmouth / Website (15.2.07 00:24)
das ist so ein verschwurbelter und unklarer text, mir ist nicht klar, was du eigentlich sagen möchtest. weniger adorno lesen!


Dissensprinzip / Website (15.2.07 01:23)
das tut mir natürlich leid, aber das lässt sich schwer auf wenige worte bringen: ich möchte sagen, dass der antirassismus, wie er mir zumeist begegnet darauf bedacht ist, minderheiten gegen mehrheiten zu schützen, nicht aber den status der minderheiten in frage zu stellen... wie gesagt, lässt sich schlecht auf wenige worte bringen, also: konzentration und nochmal lesen ;-)


K-Star (15.2.07 16:51)
Mmh. Das heißt also das Antiantisemitismus den Staat Israel als jüdischen Staat ablehnen muss? Weil da ja auch der Status einer Minderheit nicht in Frage gestellt wird, sondern sogar als Grund für ein Staatsprojekt angeführt wird.


bigmouth / Website (15.2.07 17:06)
aber das ist doch was gaaaanz anderes, wir wissen doch alle, dass rassismus gerade zu läppisch ist im vergleich zum antisemitismus. was sind schon tatsächlich erschlagene schwarze gegen eine potentielle shoa?

(wer ironie findet, mag sie behalten)


Dissensprinzip / Website (15.2.07 18:22)
"Mmh. Das heißt also das Antiantisemitismus den Staat Israel als jüdischen Staat ablehnen muss? Weil da ja auch der Status einer Minderheit nicht in Frage gestellt wird, sondern sogar als Grund für ein Staatsprojekt angeführt wird."

ich halte es da mit bigmouth attestierter doppelmoral, die es doch tatsächlich wagt, bei einer menschheitsgruppe, der in permanenz - ganz aktuell mal wieder im globalpolitischen tagesgespräch zur debatte gestellt - mit durchaus ernstzunehmenden mitteln die restlose ausrottung angedroht wird, gewisse zugeständnisse bzgl. ihrem fehlverhalten zu machen. sobald du die nachricht an mich trägst, dass die "scheiß-türken und diese libanesen-spassties, diese hurensöhne" - so z.b. ein russischer nationalist, dessen zweifelhafte bekanntschaft ich einmal gemacht habe - gegenwärtig ernstzunehmende drohungen gen russland ausgesprechen, die welt vom slawischen joch zu befreien, werde ich mir gedanken darüber machen, ob ich ihm dann noch einmal das weitere gespräch verweigere und ihm weiterreichende solidarität abspreche, bis der nächste trupp seiner deutschen pendants ankommt und ihn zu tode hetzen möchte.


Felix / Website (17.2.07 08:46)
Hallo! ich sehe gerade das bei deinem letzten Beitrag jemand (komischer weise inhaltlich gar nicht falsch, aber auf plumpe und beleidigende Weise) unter meinem Namen und mail-adresse gepostet hat. Das ist natürlich ein Problem das sich nur vermeiden lässt wenn Du eine Kontakt Adresse online stellst. Falls Du das nicht willst nimm doch bitte Kontakt mir auf damit ich mich auch noch mal glaubwürdig als "ich" zum Thema äussern kann.


Dissensprinzip / Website (17.2.07 11:26)
ich schreibe dir auf deine adresse eine mail und sobald wie geklärt haben, dass da jemand unter deinem namen geposted haben, werde ich - sofern du es wünschst - den kommentar und meine antwort löschen und auch die person "waiting" darauf aufmerksam machen, sodass sie ihren beitrag entsprechend abändert.

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