Kommentar: "...die Einstellung des Autors gegenüber den Deutschen."

Meine Streifzüge durch das Warenuniversum von Amazon.de hat mir einen netten Einblick in das Weltbild seiner Redaktion beschert. Dan Diners "Feindbild Amerika" , eines der Standartwerke über deutsch-europäischen Antiamerikanismus, ist seitens der amazon.de-Redaktion mit einer Rezension gewürdigt worden: Nun liegt es im Wesen der projektiven Amerikafeindlichkeit, sich selbst als durch und durch realistisch, seine Kritiker allerdings als verkorkste Störenfriede zu betrachten. Horchen wir den Worten des Rezensenten und erleben wir wie ein lebloser Gegenstand - ein Buch - Macht über seinen Leser gewinnt und ihn geschickt und doch willenlos zur Weißglut treibt:

"Den Deutschen schlechthin als notorischen Antiamerikanisten abzustempeln, erscheint realitätsfremd. Denn die deutsche Jugend findet ihre Idole in der amerikanischen Popkultur, ihre Eltern huldigen der amerikanischen Lebens- und Unternehmenskultur und ihre Großeltern verdanken die Wiederherstellung und Bewahrung von Frieden und Demokratie der amerikanischen Freiheitskultur. [...]"

So schwatzt die deutsche Ideologie aus ihren Sprachrohren, so verklärt ein legitimer Nachfolger des Volksgenossen sein eigenes Unbehagen und das aller anderen in echte, hoch beschworene Sympathie. Solcherlei "Lippenbekenntnisse" (Dan Diner) greifen bereits vor auf das was noch kommen soll. Lauschen wir also weiter, wie der Rezensent ungewollt Diners Ausgangsthese bestätigt:

"Der Deutsche war, ist und bleibt im Wesentlichen antijüdisch und antimodern -- ergo antiamerikanisch. Und er steht damit in einer langen Tradition, die bis in die Romantik zurückreicht. So lautet, überspitzt formuliert, die These des in Jerusalem" - Anmerkung: Gemeint ist hier, was Antisemiten seit jeher meinen, wenn sie ihre imaginierten oder tatsächlichen Kontrahänten aufdeckenderweise als "der Jude Freud", "der Jude Heine", usw. beschreiben - "und Leipzig" - und frecherweise auch noch in Deutschland, möchte er sagen - "lehrenden Professors, zu deren Untermauerung ihm noch die geistesgeschichtlich unbedeutsamsten Wirrköpfe als Kronzeugen gerade recht kommen."

So etwas zu lesen macht wenig Freude, in solchen Sätzen reproduziert sich auf wenigen cm der gesamte Katalog amerikafeindlichen bis hinreichend antijüdischen Heimatschutzes. Aber ich möchte Zurückhaltung üben und Amazon-Redakteur Roland Detschs Abschlussworte für sich selbst sprechen lassen:

"Als wirklich kritikwürdig an den USA fällt Diner eigentlich nur die Todesstrafe ein. Dass die zweifellos bewahrenswürdigen amerikanischen Ideale durch das Grassieren von Rassismus, protestantischem Fundamentalismus, missionarischer Intoleranz, penetrantem Patriotismus, weltanschaulichem Manichäismus, imperialer Selbstherrlichkeit oder unilateraler Selbstgerechtigkeit konterkariert werden, übersieht er geflissentlich. Ähnlich wie beim Totschlagsargument Antisemitismus in der Diskussion über Israel wird hier jegliche auch noch so konkrete Kritik sozioökonomischer und politischer Missstände über den Antiamerikanismus-Kamm geschoren."

Wer möchte da noch mehr verlangen? Roland Detsch ist das Paradebeispiel eines neudeutschen, autoritätsfixiert-libertären Amerikahassers, dem die Verhältnisse einen imaginären Maulkorb überstülpen: "Penetriert" von Amerikaflaggen, die mehrere tausende Kilometer über dem Ozean in Vorgärten wehen, schwer beleidigt darüber, dass sich die doofen Amis gar nicht um ihn und seine identitätsgestörte Nation kümmern oder ihnen - wenn überhaupt - bloß mit "missionarischer Intoleranz" und "imperialer Selbstherrlichkeit" begegnen. Aber da haben die Amis und ihre, in Jerusalem und Leipzig lehrenden Professoren ja nicht mit dem kruppstahlharten Roland Detsch gerechnet, denn der lässt sich vom "Totschlagargument Antisemitismus" in seiner "noch so konkreten Kritik sozioökonomischer und politischer Missstände" nicht überrollen sondern überführt die abstrakt daher redenden Kritiker konkret, sachlich, präzise und ohne Umschweife ihrer Volksfeindlichkeit:

"Über die Beständigkeit eines Ressentiments lautet der Untertitel des Buches -- und charakterisiert damit unabsichtlich die Einstellung des Autors gegenüber den Deutschen."

25.1.07 16:02

bisher 8 Kommentar(e)     TrackBack-URL


K-Star (25.1.07 17:18)

So lautet, überspitzt formuliert, die These des in Jerusalem" - Anmerkung: Gemeint ist hier, was Antisemiten seit jeher meinen, wenn sie ihre imaginierten oder tatsächlichen Kontrahänten aufdeckenderweise als "der Jude Freud", "der Jude Heine", usw. beschreiben - "und Leipzig" - und frecherweise auch noch in Deutschland, möchte er sagen - "lehrenden Professors, zu deren Untermauerung ihm noch die geistesgeschichtlich unbedeutsamsten Wirrköpfe als Kronzeugen gerade recht kommen."


Meine Fresse - in einem Artikel zu erwähnen das der Autor in Jerusalem einen Lehrstuhl hat ist kein Indiz für Antisemitismus. Das macht man eben so, wenn man ein Buch rezensiert. Ziemlich billiger Versuch jemanden in eine bestimmte Ecke zu drücken. Kleiner Tipp: Lass' das mit der Polemik, das kannst du nicht. Damit Polemik funktioniert muss wenigstens ein bisschen was an einem Vorwurf dran sein. Ansonsten ist es nur peinlich.


Dissensprinzip / Website (25.1.07 21:46)
nein, zu erwähnen, dass er einen lehrstuhl in jerusalem hat, wäre mit sicherheit kein indiz für antisemitismus, geschweige denn in einer rezension. im kontext von einer perfekten vorführung deutscher amerikafeindlichkeit, gemischt mit schwätzerei vom "totschlagargument antisemitismus in der diskussion über israel" und einem schluss, der jedem judenhasser nur so aus der seele spricht, ist es sehr wohl ein indiz und macht lässt an dem vorwurf nicht bloß was "dran sein" sondern macht es mehr als wahrscheinlich, dass der rezensent auf diners beziehung zum judentum anspielt.
kleiner tipp: red' dir nicht antisemitismus schön, wenn du lediglich gegen meinen schreibstil pöbeln möchtest, denn DAS ist wirklich peinlich.


bigmouth / Website (25.1.07 22:39)
sorry, aber nicht alles, was hinkt, ist ein argument. du kannst nicht einfach sachen zu indizien erklären, die das objektiv nicht erfüllen. eine argumentation wird nicht dadurch besser, dass man möglichst viele punkte reinstopft - im gegenteil, hier schwächt es sie eindeutig


K-Star (25.1.07 22:47)
"kleiner tipp: red' dir nicht antisemitismus schön, wenn du lediglich gegen meinen schreibstil pöbeln möchtest, denn DAS ist wirklich peinlich."

Das einzige was du da an Antisemitismus anführst ist, dass der Autor "Antisemitismus" als Totschlagargument gebraucht. Ansonsten strotzt der Text von Antiamerikanismus - aber sonst? Was soll ich da also "verharmlosen"? Davon abgesehen ist das keine Stilfrage, sondern wie Bigmouth es ja ausführt, eine inhaltliche - eine der Argumentation.


Dissensprinzip / Website (25.1.07 22:58)
also bitte, der abschnitt lautet im original:

"Der Deutsche war, ist und bleibt im Wesentlichen antijüdisch und antimodern -- ergo antiamerikanisch. Und er steht damit in einer langen Tradition, die bis in die Romantik zurückreicht. So lautet, überspitzt formuliert, die These des in Jerusalem und Leipzig lehrenden Professors, zu deren Untermauerung ihm noch die geistesgeschichtlich unbedeutsamsten Wirrköpfe als Kronzeugen gerade recht kommen."

eine paraphrasierung einer rassistischen resp. antisemitischen redeart ("der deutsche ist...") in verknüpfung mit dieser unterstellung, dan diner würde gar nicht ernsthafte kritik betreiben sondern lediglich anlässe suchen ("...ihm [...] gerade recht kommen."), sein ressentiment gegen die deutschen zu betreiben und zwischendrin dann der hinweis, dass er in jerusalem und leipzig lehrt: ernsthaft, selbst wenn es nicht einem sekundär-antisemitischen motiv entspringt (was ich für beinahe ausgeschlossen erklären würde), dann hat er hier für jeden lesenden antisemiten klar gestellt, mit "wem" er es bei diner eigentlich zu tun hat.


Dissensprinzip / Website (25.1.07 23:16)
auja, das macht freude, wer einmal ein bisschen nach roland detsch googelt, dem fällt nicht bloß auf, dass er keineswegs jeden akademischen hintergrund für erwähnenswert hält, sondern auch, dass er neben frechen professoren auch gegen "unablässige[s] Streben börsennotierter Unternehmen nach dem schnellen Profit" aufmucken kann:

hxxp://direktdemokraten.org/modules.php?name=News&file=article&sid=37&mode=thread&order=0&thold=0

aber ist schon eher unwahrscheinlich, dass der gute was gegen juden hat...


bigmouth / Website (26.1.07 00:39)
es daran zeigen zu wollen, dass er Dan Diners Jerusalemer Lehrstuhl erwähnt, bleibt aber blöde, bis die Hölle zufriert!


Dissensprinzip / Website (26.1.07 00:55)
ich habe es doch gar nicht daran nachgewiesen sondern es lediglich in meine argumentation - soweit wir das überhaupt so nennen wollen - einfließen lassen. in die situation, einen nachweis zu erbringen hat mich ja genosse k-star überhaupt erst gebracht

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