Zu den Ausfällen der "Roten Antifa Duisburg / Düsseldorf"

 

Antifaschisten aus Nordrheinwestfalen kommentieren die Exzesse der "Roten Antifa Duisburg / Düsseldorf" - siehe auch Quelle 1 und 2 :
 
Zu den Ausfällen der "Roten Antifa Duisburg / Düsseldorf" 
 
Warum Antifaschist_innen aus NRW alles daran setzen werden, der „Roten Antifa Duisburg / Düsseldorf“ die Handlungsfreiräume einzuschränken.


Nachdem bereits über einige Wochen hinweg auf Basis von Gerüchten, Halbwahrheiten und streckenweise blanken Lügen über die Vorfälle bei der letzten „Gender Terror“, einer monatlich im AZ Mülheim stattfindenden queer-politischen Party, diskutiert worden ist, möchten wir, die wir den Rauswurf dreier Mitglieder der „Roten Antifa Duisburg / Düsseldorf“ maßgeblich zu verantworten haben, an dieser Stelle einige Worte an die Sache verlieren. Im Vordergrund steht dabei die Richtigstellung der mittlerweile hegemonial gewordenen und dabei völlig irrsinnigen Version der Duisburger Antiimperialisten. Maßstab der Betrachtung ist dabei nicht der Wunsch der „Roten Antifa Du / Dü“, das AZ weiterhin besuchen zu können – dieser Wunsch ist nach Lage der Dinge nicht mehr als eine Frechheit – sondern die Perspektive auf die Isolierung der Gruppe innerhalb der politischen Zusammenhänge im Ruhrgebiet und in Nordrheinwestfalen. Wir widmen uns daher zunächst der Faktenlage und werden nach dieser für sich sprechenden Darstellung die einzig möglichen Konsequenzen umreißen. Eine Stellungnahme zum durch die Betreiber_innen des AZ ausgesprochenen Hausverbot gegen die Gruppe folgt unseren Informationen nach in Kürze.

Am Abend des 02.11.2007 verließen zwei Genoss_innen aus dem Umfeld des Autonomen Zentrums am Mülheimer Hauptbahnhof den Zug, den ebenfalls einige Mitglieder der „Roten Antifa Duisburg / Düsseldorf“ zur Anreise genutzt hatten. Dabei skandierten letztere die Parolen „Antifada, Antifada“ und „Tod für Israel“. Die beiden Genoss_innen gaben der Gruppe kurz und knapp zu verstehen, dass sie mit solcherlei Selbstentblößung als Antisemit_innen reinsten Wassers keinerlei offene Tür bei der „Gender Terror“ zu erwarten hätten. Bevor die Gruppe ihrem Wunsch nach der physischen Auslöschung des jüdischen Staates Ausdruck verleihen konnte – z.B. dadurch, seine Verteidiger_innen körperlich anzugreifen –, eilten die Genoss_innen zum Zielort, um die Veranstalter_innen, ihnen bekannte Besucher_innen und das Eingangspersonal über den Vorfall in Kenntnis zu setzen. Wenige Minuten später erreichte die Duisburger Gruppe das AZ und reagierte auf den Hinweis, dass ihnen der Eintritt verwehrt bleiben würde, mit offensiven Drohgebärden; zunächst dadurch, einen Stapel Flyer zu Boden zu reißen und anschließend durch Titulierung einer am Rauswurf beteiligten Genoss_in als „Schlampe“, von der man sich „nichts sagen“ ließe. Dem aggressiven Auftreten entsprechend sammelten sich mehrere Besucher_innen um die Kleingruppe, um dem ausgesprochenen Hausverbot Nachdruck zu verleihen. Noch im Eingangsbereich zeigte der Wortführer der „Roten Antifa“, begleitet von immer wieder ausgestoßenen Hasstiraden gegen die von ihm als solche gekennzeichnete „Schlampe“, verstärkten Unwillen, das Gelände zu verlassen. Im Zuge dessen bezeichnete er sich und seine Freund_innen, unterstützt von chauvinistischen Gebärden, mehrfach als „türkische Antifa“, die sich solchen „Faschismus“ nicht gefallen ließe und den Vorfall mit einem „Nachspiel“ sanktionieren würde. Nach aggressivem, verbalem Schlagabtausch verließ die Gruppe, daherschwätzend von vermeintlich gegenüber ihren antisemitischen, frauenfeindlichen und nationalistischen Auskotzungen notwendiger „Toleranz“, das Gelände.

Wenige Tage später stattete die Gruppe, dieses Mal in verstärkter Anzahl, dem Autonomen Zentrum einen neuen Besuch ab, bei dem sie ein ungenießbar lesbares Papier hinterließ, das sie mit den Worten „Stellungnahme der Roten Antifa Du/Dü“ betitelt hatte. In dem Pamphlet relativieren sie die Gründe für ihren Rauswurf dahingehend, dass sie behaupten, ihnen wäre bei Eingangsgesuch unvermittelt unterstellt worden, Antisemit_innen zu sein und ihre verbalen Ausfallerscheinungen gegen Frauen wären als nicht relevant zu betrachten – vielmehr wäre in Folge einer „Provokation“* seitens einer „vermeintliche[n] Besuchsherrin des AZ“, diese aus ihren Reihen heraus „als ‚Schlampe’ benannt“ (sic!) worden. Dies wäre „aus dem Reflex (sic!) heraus“ geschehen und sei daher „nicht näher zu deuten“: Die „Rote Antifa bietet keinen Platz für Sexismus und entschuldigt sich für diese Äußerung“. Diese Selbstentschuldung darf in diesem Zusammenhang, der vollkommenen Unwillen deutlich macht, sich reflexiv mit sexistischer Projektion auseinanderzusetzen, sicherlich wörtlich genommen werden. Auch in anderen Zusammenhängen scheinen die Mitglieder der „Roten Antifa“ reflexhaftem Verhalten nicht abgeneigt: Auch im weiteren Textverlauf wird gezielt umgangen, dass die Gruppe mehrfach eine offene Vernichtungsdrohung gegen Israel artikuliert hat. Anstelle dessen wird in der völligen Fehleinschätzung, das Autonome Zentrum sei ein politisch neutraler Boden, auf eine „Aufgabe jedes AZ“ rekurriert, so „autonom zu bleiben“, wie des Nachts alle Kühe schwarz sind. Es wird eingefordert, den vermeintlich in dieser Frage zur Debatte stehenden „Antideutsch/Antiimp Konflikt“ beiseitezulassen und anstelle dessen „eine[n] Raum zur politischen und persönlichen Entfaltung“ zu liefern. Auf die Spitze getrieben wird diese Forderung nach Pluralismus und Toleranz gegenüber hinterletzter deutscher Bauernmentalität im vermeintlich den Anspruch des AZ charakterisierenden Ruf nach „Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“.

Nochmal zum Mitschreiben: Persönliche und politische Freiräume kann ein Autonomes Zentrum bieten, wenn persönliche und politische Entfaltungsmöglichkeiten nicht gleichbedeutend sind mit widerlichsten Hassaufrufen gegen stigmatisierte Feindbilder. Wer es im Rahmen von Freiheit und Gleichheit für verhandelbar hält, Israel auszulöschen, der ist nicht Diskussionspartner, sondern politischer Feind. Wer in Folge von minimalen Stresssituationen weibliche Polygamie zur Beleidigung verkehrt, und das selbstsicher als „Reflex“ bezeichnet, hat auf einer queer-politischen Party, deren explizites Ziel die Emanzipation von Geschlecht und dem Konzept Zweierbeziehung ist, nichts verloren. In diesem Sinne gehen wir als regelmäßige Besucher_innen des AZ letztlich vollkommen d’accord mit den Vorstellungen der Duisburger, wenn sie ihr Papier mit dem einzig vernünftigen Vorschlag resümieren, den diese Situation offen lässt: „Doch wenn Das AZ Mülheim weiter darauf bedacht ist die politische Einstellung einer bestimmten Gruppierung zu vertreten, werden wir und andere diese Räumlichkeiten nicht mehr aufsuchen und nach neuen Örtlichkeiten der Toleranz und Freundschaft suchen.“ (Fehler im Original)
Ganz Recht haben sie: Wenn die Vernichtung von Juden, die Gewaltverherrlichung gegenüber vermeintlichen oder tatsächlichen Frauen und der türkische Nationalismus im Rahmen von „Toleranz und Freundschaft“ diskutabel werden sollen, dann sind die antifaschistischen Besucher_innen des Autonomen Zentrums, insbesondere die der „Gender Terror“ darauf bedacht, zu politischer Gegenwehr zu greifen, was in diesem Fall nichts anderes bedeuten kann als:

Hausverbot für die „Rote Antifa Duisburg / Düsseldorf“ und ihre politischen Sympathisant_innen und Isolation der Gruppe aus antifaschistischen Zusammenhängen!

Antisemitismus und Sexismus offensiv bekämpfen!


* Alle Zitate, soweit nicht anders gekennzeichnet sind der „Stellungnahme der Roten Antifa Du/Dü“ entnommen.

14 Kommentare 5.12.07 18:05, kommentieren

Kommentar der Antideutschen Kommunisten Niederrhein/Ruhrgebiet

Im Folgenden ein Kommentar der ADK Niederrhein/Ruhrgebiet zu gegenwärtigen Auseinandersetzungen im linken Ruhrgebiet:

Geschwisterstreit im Hause Linksdeutschland

Worüber Junglinke, das „Polit-Cafè Azzoncao“ und „DIE LINKE.Dortmund“ gezankt und worauf sie sich geeinigt haben

Kommentar der Antideutschen Kommunisten Niederhein/Ruhrgebiet

Am 1. September 2007 war kurzzeitig eine Situation vor dem Dortmunder Hauptbahnhof eingetreten, wie sie in Deutschland beiweitem unüblich ist. Es wehten Flaggen der Staaten Israel und USA und auf Transparenten forderten Kommunisten „Kosmopolitismus statt Völkerrecht“ und „Israel’s right to self-defense“. Auch innerhalb der sog. „Linken“, so konnte der Eindruck entstehen, gab es Ambitionen, die die sonst so beliebte Attitüde, Widersprüche dem bundesdeutschen Feindbild „Neonazi“ unterzuordnen, zu sprengen. So parodierten einige Dortmunder Junglinke den autoritären, parteipolitischen Gestus der „Linke“-Fraktion Dortmund, die sich wenige Wochen zuvor in einer Pressemitteilung vom Aufruf der antifaschistischen Demonstration distanziert hatte, mit einem Transparent „DIE LINKE.Dortmund warnt: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern – Danke! Gez. Die bösen Antifas“. Doch bereits während der Demonstration machten nicht unwesentliche Teile der angereisten Antifajugend klar, dass ihr Kampf am sog. „Antikriegstag“ – der abgesehen von ein paar Rivalitäten um dessen öffentliche Gestaltung DGB und Freie Kameradschaften aufs Engste zueinander führt – nicht der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrer nationalpazifistischen Vergangenheits- und Gegenwartsentsorgung gilt, sondern deren erklärten Gegnern: Aus einem abgespaltenen Block, bestehend aus antiimperialistischen Jungautonomen, Punks und diversen halb- und vollstalinistischen Parteien, griffen einige selbsterklärte Antifaschisten unter der Naziparole „USA – Internationale Völkermordzentrale“ israelsolidarische Kommunisten an und versuchten, eine Fahne des verhassten Erzfeindes Amerika zu zerstören. Anstatt solcherlei Aggressionen mit sich klar abzeichnenden Bezügen zur nationalen Gesamtmentalität aufs Schärfste zu verurteilen, den Urhebern die Gegnerschaft zu erklären und damit dem antinazistischen Selbstverständnis gerecht zu werden, betreibt die Linke auf ein Neues ihr eingeübtes Programm: Feindbild markieren und die Reihen schließen.

„DIE LINKE.Dortmund“ und ihr Kampf gegen den Antifaschismus

Utz Kowalewski, Pressesprecher der Dortmunder Fraktion, begründete in der benannten Pressemitteilung ihre Distanzierung damit, dass der Aufruf der „Antifaschistischen Union Dortmund“ „Gedankengut der so genannten Antideutschen Szene“ erkennen ließe. Es spricht für sich, dass „Die Linke“ offensichtlich nicht einmal in der Lage ist, in einer öffentlichen Erklärung zumindest versuchsweise durch sachliche Argumente eine bestimmte Ansicht als unstimmig zu beschreiben und anstelle dessen den politischen Feind anhand dessen „Gedankengut“ markiert, dem es sich nach parteipolitischem Bekenntnis zu verweigern gilt. Eine solche Betrachtung offenbart, dass – vermeintliches oder tatsächliches – „Gedankengut“ offensichtlich vorrangiges Kriterium für das politische Selbstverständnis der Partei ist. Es wäre müßig, im Einzelnen aufzuzählen, welcherlei „Gedankengut“ den bundesweiten Parteiverbänden näher liegt als „antideutsches“. Die Beteiligung der „Linken“ bei islamistisch dominierten und/oder deutschnationalen Demonstrationen, die grassierenden Studienergebnisse betreffend parteiinterner Ausländerfeindlichkeit und dergleichen sind hinreichend bekannt. Fest steht, dass die Distanzierung vom antifaschistischen Aufruf einmal mehr offen gelegt hat, dass die parlamentarische Linke für jegliche Form emanzipatorischer Kritik unzugänglich ist, da sie nicht bloß erklärtermaßen Aufklärung als „Gedankengut“ diskreditiert und verweigert, sondern vor allem weil sie wesentliche Elemente antifaschistischer Agitation erklärtermaßen verneint: „Es widerspricht grundsätzlich linker Politik für Krieg und Gewalt zu werben.“ Gegen solcherlei autoritäre Mobilmachung durch das oben benannte Transparent zu provozieren, war ein Schritt in die richtige Richtung.

„Aber wo bitte ist der Aufruf zur Gewalt?“– Das „Polit-Cafè Azzoncao“

Als Reaktion auf die Pressemitteilung der zur Partei gemauserten Kleinbande, formulierte das linke Bochumer „Polit-Cafè Azzoncao“ einen offenen Brief, in dem sie die Distanzierung von den vermeintlichen Gewaltaufrufen als „Anpisse“, „Denunziation“ und „diffamierende Fehlinterpretation“ kritisierte. Diese Einschätzung begründete das Cafè allerdings nicht mit der in der Pressemitteilung deutlich hervortretenden Gesinnungspolitik der Partei, sondern damit, dass es dem „eigentlichen“ Anliegen – natürlich nicht die Kritik an Deutschland in seinen verschiedenen Ausformungen – schaden würde, den Aufruf derartig zu pauschalisieren: „Wer die lachende Dritten sein werden, ist wohl klar: Die Nazis.“ Prinzipiell – das Herz schlägt links – stimme man mit den gesinnungspolitischen Denunziationen überein ( „Zu Recht kann man den Aufruf der "Antifa Union" zu der antifaschistischen Demonstration am 1. September als mutwillige Verdrehung, ideologieschwangere Provokation und gewollt undifferenzierte Denunziation von PazifistInnen, DemokratInnen und Linken bezeichnen.“ ), aber wenn es auf Kosten der Sache ginge, wäre solcherlei öffentliches Aus-der-Reihe-Tanzen unverantwortlich. Schließlich wisse die Partei, dass „die antideutschen Gruppen einen sehr kleinen Teil der Antifaszene ausmachen“ – als wäre die Formierung zur Mehrheit Argument für deren geistige Überlegenheit und nicht zumeist sogar Ausgangspunkt für ideologische Selbstverhetzung – und anstelle einer Distanzierung hätte man doch auch unter sich bleiben können, „intern unter den Gruppen“ anstatt „vor großem Auditorium“. Zudem würde im benannten Aufruf überhaupt kein expliziter Aufruf zu Gewalt zu finden sein: „Aber wo bitte ist der Aufruf zur Gewalt?“ Damit wurde also das einzig vernünftige, was der Praxis der Partei abgewonnen werden könnte – mit Ansichten, sofern sie als irreparabel fehlerhaft eingeschätzt werden, zu brechen, anstatt auf identitäre Dialogkultur zu setzen – relativiert, das was mit besonderer Vehemenz gegen die parlamentarische Schmackhaftmachung von Antifaschismus verteidigt werden sollte – die Absage an Konstruktivität – schlicht verneint. Anstelle dessen hat das „Polit-Cafè“ getreu dem schon durch den eigenen Namen suggerierten Anspruch Anschlussfähigkeit bewiesen und den staatsaffirmativen und nationsbejahenden Formeln von „Demokratie“ und „Pazifismus“ das Wort geredet.

Das „Kommando „Max und Moritz““ im Kampf um Hausrecht und Respekt

Vor wenigen Tagen veröffentlichte auf dem Medienportal „Indymedia“ ein „Kommando „Max und Moritz““ einen Aktionsbericht unter dem Titel „Besuch bei „Die Linke“ Dortmund“. Eine „Delegation mehrerer Antifa-Gruppen aus dem Ruhrgebiet“, so hieß es in dem Artikel, hätte der Dortmunder „Linke“-Fraktion einen Besuch abgestattet um diese zu einer Reaktion auf den vom „Polit-Cafè“ formulierten Brief zu bewegen. Nach ein bisschen verbalem Rumgeschubse um Hausrechtsfloskeln, wurde dann eine knappe halbe Stunde über das Anliegen der Junglinken diskutiert. Wie dem Bericht zu entnehmen ist, wurde selbstverständlich seitens denen, die noch prinzipiell die geistigen Fähigkeiten dazu hätten, wenn sie Willens wären, nicht über Demokratie, Volk und Politik als Vermittlungsformen des globalen Herrschaftszusammenhangs und Nationalismus, Antiamerikanismus, Islamismus als deren denkbar ekelhafteste Bejahungen diskutiert, sondern erneut über den innerlinken Zusammenhalt: „Den Aufruf der „Antideutschen“ fänden sie als (sic!) Antifas ebenso katastrophal. Das eigentliche Problem sei jedoch, dass die Partei „Die Linke“ den antideutschen Aufruf nicht intern kritisiert hätte. Sondern instrumentalisiert hätte, um alle an dieser Demonstration teilnehmenden AntifaschistInnen als kriminell und gewalttätig hinzustellen.“ Anstatt die restlose Selbstidentifikation der anwesenden Parteimitglieder mit den staatlichen Institutionen ( „Die Partei sei eine Wahlpartei und könne es sich nicht leisten, mit einem solchen Aufruf in Verbindung gebracht zu werden.“ ) als deren wiederholt ausgequatschte Selbstdiskreditierung zu erkennen, bemühte sich das „Kommando „Max und Moritz““ um die eigene juristische und gesellschaftliche Konformität, indem es sich von dem Vorwurf „kriminell und gewalttätig“ zu sein, frei zu sprechen versuchte. Abschließend heulte man sich dann gegenseitig ein bisschen die Ohren voll, wer mit welcher Personenstärke bei welchen Demonstrationen die vermeintliche oder tatsächliche Mehrheit stellte und ging unverrichteter Dinge auseinander: „Den Anwesenden wurde darauf erwidert, dass sich die unabhängigen Antifa-Gruppen, die Autonomen, Punks, linken Jugendlichen, Subkulturen und MigrantInnen nicht entmündigen und zu Schachfiguren machen lassen würden. Die man heute als Demonstrationsvieh mobilisieren und morgen als „Gewalttäter“ denunzieren könne. Sie würden vielmehr jenen gewissen Anteil von 80% der DemonstrantInnen stellen, welche die meiste Initiative zeigten, die meiste Recherche machten und antifaschistische Projekte durchführten. ( … ) Die großzügig eingeräumte Zeit war verstrichen und die Antifas wurden, ohne das es zu einer Verständigung gekommen war, des Raums verwiesen. Da diese auch nicht mehr als eine Initialdebatte erwartet hatten, gingen sie. Nicht ohne „Die Linke“ noch darauf hinzuweisen, dass bei weiteren Denunziationen sie mit ihren Parteifahnen und Transparenten auf Antifa-Demonstrationen nicht mehr gerne gesehen würden.“

Nie wieder Linksdeutschland!

Die Ablagerungen der deutschen Linken im Ruhrgebiet haben in den letzten Tagen und Wochen wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wie weit sie davon entfernt ist, für Emanzipation im kommunistischen – also antinazistischen – Sinne zu stehen. Ihr Umgang mit inhaltlichen Differenzen, die sie durch vollkommen geistentleerte Schlagabtausche um Demokratie, Solidarität, Respekt und Mehrheit erfolgreich überbrücken, ist deutlichstes Anzeichen dafür, dass ihre mittlerweile zumeist realitätsferne Panik vor erstarkenden Naziszenen, zunehmender Staatsrepression, u.ä. ihr jeden Restbestand kritischer Vernunft auszutreiben droht. Es bleibt zu hoffen, dass die wenigen klar denkenden Teile dieser Bewegung die Abscheu vor den amerikafeindlichen und antizionistischen Gewaltausbrüchen vom 1. September zum Anlass nehmen, einen klaren Bruch mit den Verfechtern der ihnen zugrunde liegenden Ideologien zu vollziehen. Dann, so bleibt zu hoffen, richten sich antifaschistische Demonstrationen demnächst gegen Ahmadinejad und seine Freunde bei der „LINKE.Dortmund“ und beim „AB West“. Wir werden unseren Teil dazu beitragen.

Antideutsche Kommunisten Niederrhein/Ruhrgebiet

5 Kommentare 25.9.07 15:26, kommentieren

Wer nicht hören will, ...

"Beurteilt man Israelkritik anhand dieser Maßstäbe, muß sie sich nur dann dem Antisemitismusvorwurf aussetzen, wenn sie eines der folgenden Kriterien erfüllt: (...) 3. die Beurteilung der israelischen Politik mit einem doppelten Standart: Man verurteilt bestimmte politische Maßnahmen in Israel, jedoch in anderen Ländern nicht"

Aribet Heyer/Julia Iser/Peter Schmidt - "Israelkritik oder Antisemitismus? Meinungsbildung zwischen Öffentlichkeit, Medien und Tabus"

Dort, wo das "identitäre Bedürfnis" (Clemens Nachtmann) den Gedanken dirigiert, ist sachliche Argumentation wertlos. Den Diskutanten, dem es nicht darum geht, eine bestimmte Ansicht argumentativ aus dem Weg zu räumen, sondern darum, ihren Verfechter mundtot zu machen, leitet nicht der kritische Gedanke sondern der Wunsch nach Überlegenheit. So erfüllt es manchen mit größter innerer Freude, wenn es ihm gelingt, eine Diskussion, die er selber abgebrochen hat, wenige Minuten später als Sieg zu bejubeln, indem er sich vor anderen Leuten damit brüstet, den Gesprächspartner "zum Schweigen" gebracht zu haben. Die Ausgangsfrage einer Diskussion des Wochenendes hätte mir bereits Auskunft darüber geben können, welche innere Antriebskraft der weitere Gesprächsverlauf und -abbruch haben wird. Ob ich "Drogen genommen" hätte, wurde ich gefragt, bevor ich - recht treffend, wie ich unterstreichen möchte - Indymedia als "Scheißplattform für linksnazistische Freizeitgestaltung" bezeichnete, als dort zum wiederholten Male ein Aufruf zum Boykott der Handelskette "Galeria Kaufhof" im Zuge der von ihnen veranstalteten "Israel-Wochen" über mehrere Tage "diskutiert" wurde. Bigmouth, der sich schon das ein oder andere Mal darin gefiel, anhand rechtskonservativer Siedlerparteien von "israelische[m] Faschismus" zu tönen, konnte meine "Auffassung", wie er es liebevoll nannte, nicht teilen. Seiner Einschätzung nach würde sich darin kein handfester Antisemitismus artikulieren - es fehle der entsprechende "Kontext" - sondern lediglich ein linkes Fauxpas, eine Nicht-Beachtung von Relationen, was zudem ja keineswegs der rationalen Grundlage entbehre: Kein westlich-demokratischer Staat würde etwas der "Kolonialpolitik" Israels qualitativ entsprechendes heutzutage aufrecht erhalten - das sprenge den Rahmen "kapitalistischer Normalität". Zynisch genug, dass nun ausgerechnet bigmouth darüber entscheidet, was "kapitalistische Normalität" ausmache - die Armenviertel vor Hongkong, der fortschreitenden psychische Zerfall in den westlichen Staaten, die, laut UNICEF, 190,7 Millionen Kinderarbeiter? - beansprucht er auch noch, darüber zu urteilen, in welchem Maße sich die systematisch durch Kapital und Staat vorangetriebene, globale Verelendung im Einzelnen qualitativ voneinander unterscheidet. Er weiß also, was in dem kaum zu benennenden Irrsinn, der tagtäglich die Menschen knechtet nunmal dazugehört und was nicht. Doch wie jeder, dem der Zynismus besonders dann leicht fällt, wenn es um Israel geht, wusste bigmouth auch dafür die passende Antwort: Nicht um Ausbeutung ginge es - weder ihm noch den Verfassern des oben genannten Boykott-Aufrufes - sondern um "Völkerrechtswidrigkeit", die die "Expansionspolitik" seit 60 (sic!) Jahren, insbesondere seit 1967 ("Wir werden Palästina nicht betreten, solange sein Boden mit Sand bedeckt ist. ... Wir betreten es erst, wenn sein Boden mit Blut getränkt ist." - Gamal Abdel Nasser, 1965) darstellen würde. Und darin - das wäre klar - unterschiede sich Israel, das sich als Teil der westlich-demokratischen Welt "verstehen"(!) würde, von allen anderen westlichen Staaten nach 1945. Es wäre zu viel verlangt, dass jemand, dem die globale Situation von Menschenzerschindung im Kopf schon zur "kapitalistischen Normalität" geworden ist, das Argument gelten ließe, dass wohl jeder westlich-demokratische Staat auf eine Genese von unmittelbarer Gewalt zurückblickt. Auch, dass es wohl keinem Staat der Gegenwart, der sich in einer vergleichbaren Ausnahmesituation befinden würde, gelingen würde, den bürgerlichen Status Quo aufrecht zu erhalten, wie es in Israel der Fall ist, muss schon zu viel sein der Spekulation. Dabei wäre hier Begriff der "Ausnahme" dann sogar einmal treffend, denn kein einziger Staat außer Israel wird wohl in Regelmäßigkeit von der Weltöffentlichkeit betreffend seiner physischen Existenz diskutiert. Historische Fakten aber wie den Vietnamkrieg als "Polizeieinsatz" zu verniedlichen und wie z.b. den Algerienkrieg einfach unter den Tisch zu kehren, dazu bedarf es schon einer ganz besonders perfiden Wahrnehmung des Weltgeschehens. Es ist abscheulich genug, die Situation der zionistischen Einwanderung nach Palästina im 20. Jahrhundert in irgendeiner Art und Weise mit anderen historischen Konstellationen abgleichen zu wollen - als wäre nicht die Shoa der vollzogene Durchbruch "kapitalistischer Normalität", als dessen unmittelbare Folge Israel begriffen werden muss. Dies aber dann auch noch inhaltlich falsch zu betreiben, das lässt sich wohl nur noch aus dem Wunsch nach Rückkehr in die Wiege linker Boykottharmonie erklären.

Doch genug zu bigmouth Herumwerkelei mit Geschichte, es sei noch einmal die Frage nach dem antisemitischen Gehalt des Boykottaufrufes der div. Initiativen ins Auge gefasst. Es ist fragwürdig genug, in Zeiten, in denen britische Universitäten zum akademischen Boykott Israels blasen, am antisemitischen Gehalt inhaltlich nahezu identischer Aufrufe zu zweifeln. Genauer: Es ist so ein Aufruf bereits eine Perversion, die um einen objektiv antisemitischen Gehalt gar nicht herumkommt, nachdem SS-Schergen vor jüdischen Geschäften den Boykott als antisemitisch-politisches Unterdrückungsmittel historisch etabliert haben. Ein solches kategorisches Urteil ist dem differenzierten Antizionismus natürlich nicht abzugewinnen. Da es sich nun wieder einmal um jüdische Friedensinitiativen - die jüdischen Antisemiten von "Gush Shalom" ("Palästina war nicht leer – weder zum Ende des 19. Jahrhunderts und noch zu irgend einer anderen Zeit. Zu jener Zeit lebte eine halbe Million Menschen in Palästina, 90% davon waren Araber. Diese Bevölkerung war natürlich gegen das Eindringen eines anderen Volkes in ihr Land." ) und der "Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden", die noch jede Hisbollah-nahe Friedensdemonstration begleitet haben - handelt, ist jeder Verdacht des Antisemitismus im urdeutschen Vertrauen auf die überdurchschnittliche Auffassungsgabe des Juden erst einmal passé. Es seien trotzdem im Folgenden noch einmal die nahe liegenden Argumente dargelegt, in der Hoffnung, dass bigmouth ihren substantiellen Gehalt anerkennt, wenn sie schwarz auf weiß vor ihm liegen.

Die Versuche, den Antisemitismus einer Aussage oder eines Textes nachzuweisen - darauf zieht sich natürlich, wer krampfhaft darum bemüht ist, den antisemitischen Gehalt systematisch zu relativieren, nur all zu gerne zurück - kommen ohne ein Moment der Ungewissheit nicht aus. Gerhard Scheit schreibt dazu:

"Zu fragen wäre, worin oder wodurch Antisemitismus überhaupt beweisbar sein kann, schließlich handelt es sich hier nicht um eine mathematische Gleichung, sondern um eine pathische Projektion. (...) Allein darum, weil das Identifizieren selbst dem wahnhaften Bewußtsein entspringt, ist die Suche nach den Motiven immer mehr als eine detektivische Aktivität; als ideologiekritisches und zugleich psychoanalytisches Verfahren kann sie von einem spekulativen Moment nicht absehen – selbst dort, wo wirklich alles manifest geworden ist."

Anstatt dieses Dilemma in seiner Tragik zu benennen, geht es Leuten vom Schlage bigmouth darum, die eigene Ignoranz gegenüber dem Judenhass zu rationalisieren: Dort, wo nicht die Mehrheit sich einig ist, es mit Antisemiten zu tuen zu haben, ist die Behauptung, Antisemitismus läge vor, reine Willkür, Pessimismus des Betrachters, letztendlich Diffamierung. Gerade darum kann jemandem, der es nicht sehen möchte, nicht "bewiesen" werden, dass Boykott als politische Agitation gegen Juden und Israel bereits einen antisemitischen Kern aufweist. Obwohl in der Argumentationslogik der Boykottforderung bereits die Ignoranz gegenüber der alltäglichen Gewalt in Geschichte und Gegenwart angelegt ist und somit das wohl wesentlichste Moment des Antisemitismus - Personifikation des abstrakten Ausbeutungszusammenhanges und Fokussierung des darüber entwickelten Zorns auf die Juden oder Israel - wiederholt wird, wird der Antisemitenverteidiger nicht vor Herunterrederei zögern, ehe der Antisemit vom "ewigen Juden" schwadroniert. Die Anlage einer solchen Argumentation wird nunmal erst dann dingfest, wenn z.B. gezielt die politische Zusammenarbeit mit den erklärten Feinden Israels - von Indymedialeserschaft bis zur palästinensisch-deutschen Friedensdemonstration - gesucht wird. Der Appell an das Ressentiment offenbart die Wesensgleichheit mit ihm selbst. "Nur", weil da eine Analogie vorläge, läge noch lange kein Beweis vor, sagt bigmouth. Henryk M. Broder, der von der gespaltenen Wahrnehmung des Antisemiten mehr verstanden hat als er, der es sich von Moishe Postone hätte erklären lassen können, polemisiert unter dem Titel "Völkerrechtswidrige Kichererbsen bei Kaufhof" gegen die Boykottinitiativen:

"Denn der Antisemit findet immer einen Grund, sich in Stellung gegen die Juden zu bringen. Nicht was der Jude tut oder unterläßt, regt auf, sondern dass es den Juden gibt.
Zu dem Martyrium der bulgarischen Krankenschwestern und des palästinensischen Arztes in Libyen fiel ihm nix sein, nicht einmal nachdem der Ghaddfi-Sohn zugegeben hatte, dass der ganze “Prozess” eine Farce war, um Vorteile für Libyen zu erpressen, Er ruft auch nicht zu einem Boykott chinesischer Produkte auf, obwohl China seit 1950 Tibet besetzt hält, und wenn man ihn nach der Geschichte Kaschmirs oder der Westsahara fragen würde, müßte er die Begriffe erst einmal googeln. Nur bei Palästina, da weiss er bescheid. Da läßt er sich kein P für ein J vormachen. Und haben Oma und Opa noch in ihrer Freizeit “Juden raus nach Palästina!” gespielt (ein beliebtes Würfelspiel wie “Mensch ärgere Dich nicht" ), so ruft er heute “Zionisten raus aus Palästina!” und hört nicht, wie es aus ihm tönt."

Das Kriterium, das allen Antisemitismusforschern seit jeher im Halse stecken bleibt, weil es die "detektivische Aktivität" (Scheit) durchbricht, erweist sich als eines der wenigen, welches überhaupt noch Geltung für sich beanspruchen kann, seit Antisemitismus zur "Israelkritik" gemausert ist und nur noch dann seine Fratze dem letzten Zweifler herzeigt, wenn die selben Leute, die eben noch mit Pragmatismus die wirtschaftliche Isolation Israels o.ä. fordern, sich urplötzlich unter Libanonflaggen zusammenfinden und damit ihr tiefstes Einverständnis mit den Belangen islamistischer Antisemiten demonstrieren.

Bigmouth kann, wenn ihm das Freude bereitet, weiterhin in der Gegend herumerzählen, er hätte mich "zum Schweigen gebracht" und zwei, drei zur Sophistik zusammengekleisterte Argumente dem nächsten Menschen vorlegen, der eine Diskussion nicht einfach ausschlagen möchte. Vielleicht ist er beim nächsten mal dennoch so nett, sich zum Gegenstand solcher Zankerei nicht Themen zu wählen, deren Ernsthaftigkeit persönlichen, diskursiven Schabernack allemal überragt.

1 Kommentar 20.8.07 15:46, kommentieren

Zur Kritik des "...ums Ganze"-Bündnis

Ich habe einen heimlichen Verehrer. Seine Faszination für mich ist so gewaltig, dass er mich beobachtet, sich nach meinen Internetpseudonymen umhorcht, mich in seinem ersten Weblog-Beitrag zitiert und mir die unabschätzbare Ehre zuteil werden lässt – einer „linken Unsitte des Pluralismus“ folgend, wie er schüchtern vorschiebt – auch noch mit meinem Ankündigungsbeitrag verlinkt zu werden: Dass er mich während der Oberhausener Podiumsdiskussion nicht mit Papierkügelchen beworfen hat, um meine Aufmerksamkeit zu erregen, ist – wenn nicht den Unsitten linker Gesprächsstandarts geschuldet – wohl bis auf Weiteres nicht nachzuvollziehen. Sollte meine Vermutung Wahrheit behalten, dass sich hinter „misstakenidentity“ die selbe Person verbirgt, mit deren sinnentleertem Gepöbel ich mich schon gestern im ADF-Board auseinandersetzen musste, müsste ich wenigstens nicht mehr befürchten, dass es mehr als eine Person gibt, die die Diskussionen rund um „…ums Ganze!“ benutzt, um perfide Lügen öffentlich zu machen: „inhaltsleerer und argumentloser“ hätte, folgt man „misstakenidentity“, die Diskussion seitens der Antideutschen gar nicht verlaufen können, denn diese hätten sich darauf beschränkt, der Bewegung „Antisemitismus und Antiamerikanismus (also: Nazismus) vorzuwerfen“. Dass die Kritik an antisemitischer und amerikafeindlicher Agitation lediglich eine – wenn womöglich auch eine dominante – Ebene der umfangreichen Kritik an politischer Vermittlung, reformistischem Ansatz, Gewaltfetischisierung,… ausgemacht hat, darf demnächst ja glücklicherweise jeder im Audio-Mitschnitt selber nachvollziehen: Ein bisschen frecher ist da schon die Interpretation, der Vertreter der „Antifa[f]“ wäre im Gegensatz zu Alex Feuerherdt um den Versuch bemüht gewesen, eine „Kritik an der globalisierungskritischen Bewegung in kommunistischer, also revolutionärer Absicht zu formulieren“. Hätte „misstakenidentity“ Alex Feuerherdt zugehört, dann wüsste er, dass sein Problem gerade darin bestand, dass die kritische Reflexion über die Antiglobalisierungsbewegung in „kommunistischer, also revolutionärer Absicht“ zu formulieren reichlich wenig Sinn gemacht hätte, so lange noch Teilnehmer der Diskussion fest davon überzeugt gewesen sind, dass die Antiglobalisierungsbewegung selbst mit diesem kommunistischen Anspruch überhaupt nur irgendetwas zu tun hätte. Der Versuch, der da der „Antifa[f]“ untergeschoben wird, war im besten Falle guter Willen, dass es doch noch was werden dürfte, der Bewegung eben diesen Anspruch nahe zu legen. Was das mit „kommunistischer, also revolutionärer Absicht“ zu tuen hatte und wieso „misstakenidentity“ diese vermeintliche Absicht mehr interessiert als das Gequatsche des Vertreters über die „Israelfrage“, mag er mir ja selber noch einmal erklären.



Es soll im Folgenden meine Drohung wahr gemacht werden, das linksaktionistische Bündnis „...ums Ganze!“ einer Kritik auf verschiedenen Ebenen zu unterziehen und daraus folgernd meiner Forderung Nachdruck zu verleihen, den Zusammenschluss restlos aufzulösen und seine Aktivität als politische Vereinigung in dieser Form vollends einzustellen. Der Beitrag soll also – dies sei betont – einer Zerschlagung des Bündnisses Vorschub leisten. Meine Ausgangsthese, die ich im folgenden Beitrag zu begründen versuchen werde, besagt, dass „...ums Ganze!“ schon aufgrund seiner Konstitution als Anti-G8-Bündnis ideengeschichtlich an die politischen Grundannahmen der Antiglobalisierungsbewegung gebunden bleibt. Sein Versuch, die Agitationsfelder dieser Bewegung entsprechend seinen Vorstellungen umzustrukturieren, kann lediglich auf die Erkenntnis einer Unmöglichkeit dieses Vorhabens oder aber eine sukzessive sich vollziehende Annäherung an die Bewegung hinaus laufen.



„...ums Ganze!“ ist mit dem primären Anspruch angetreten, die „Entwicklung einer antikapitalistischen Praxis und Organisierung“ voranzutreiben, wie es im Einleitungstext zu einem Reader unter dem Titel „...ums Ganze! Smash capitalism. Fight the g8 summit.“ heißt.* In diesem Vorhaben sucht „...ums Ganze!“ insbesondere die Abgrenzung zu „reaktionären Teilen der Bewegung“, wie in verschiedenen Erklärungen in unterschiedlicher Formulierung betont wird und zu Ansätzen die das verkörpern, was in den letzten Monaten und Jahren wesentlich mit reichlich unzutreffenden Begriffen wie „verkürzter Kapitalismuskritik“, „verkürzter Antikapitalismus“ o.ä. gefasst wurde. Obwohl „...ums Ganze!“ diese Begriffe erklärtermaßen ablehnt, sind ihre Inhalte in weiten Teilen den damit verbundenen Diskussionen entnommen. Diese Begriffe meinen all jene Positionen, die das globale Kapitalverhältnis als unvermittelte Herrschaft einiger weniger über die breite Mehrheit der Welt begreifen, anstelle kapitale Ökonomie, Rechtsstaatlichkeit und Politik als durch eine allseitige Vermittlung bestehende und sich reproduzierende Herrschaftsform auf der Basis von bürgerlicher Freiheit zu fassen. Das Bündnis attackiert in ihren Schriften das „platte Denken in Haupt- und Nebenwidersprüchen“, „ökonomistische und personalisierende (Staats-)Vorstellungen“, „moralische Verurteilung bestimmter Konzerne“ und sie weisen im Zuge dessen hie und da auf die Affinität solcherlei Denkformen zu Antiamerikanismus und Antisemitismus hin. Statt einer solchen Auffassung von Ausbeutung und Herrschaft ginge es ihnen „ums Ganze“ eben. So weit, so gut. Es wäre damit nichts anderes formuliert als die Thesen- und Positionspapiere von antideutschen Jugendantifas, die ihr Verständnis von „Kapitalismus“ publik machen, den es „abzuschaffen“ gilt. Nun tritt aber „...ums Ganze!“ mit einem ganz besonderen Wunsch, nämlich der – ausgangs erwähnten – „Entwicklung einer antikapitalistischen Praxis und Organisierung“ an, dem vermeintlich begriffenen Zusammenhang von Herrschaft und Ausbeutung entgegenzutreten – und rutscht damit nahezu bruchlos zurück in eine Form von linkspolitischen Aktionismus, dessen emanzipationsfeindliches Wesen sie anhand ihrer bisher geknüpften Thesen durchaus zu erkennen in der Lage wären.



Es ist an anderer Stelle zu Genüge dargestellt worden, welche Ressentiments die Antiglobalisierungsbewegung antreiben, sowohl auf phänomenologischer als auch auf analytischer Ebene. Es ist div. Publikationen von Café Critique , der Redaktion Bahamas , mit Vorbehalten auch der Jungle World in beiderlei Hinsicht alles Wesentliche zu entnehmen. Dies ist nicht der Ort, an dem all dies wiederholt gehört. Einen offensichtlich untergegangenen Aspekt aber, gilt es zu betonen. Wann immer die Apologeten von Heiligendamm-Tourismus, Aktionspolitik und Bewegungsreformiererei auf die verschiedensten Abscheulichkeiten, die ihr Rebellionssubjekt in aller Regelmäßigkeit hervorbringt, hingewiesen werden, wird dem entgegengehalten, es gelte von Pauschalisierungen Abstand zu nehmen: „Nicht alle“ seien schließlich „so“ und keineswegs sei gesichert, ob die Bewegung ins Reaktionäre „umschlagen“, „abdriften“ o.ä. werde. In der von mir besuchten Diskussionsveranstaltung in Oberhausen, der breiteren Öffentlichkeit aber auch in Form eines Online-Interviews zugänglich, erklärt(e) ein Vertreter von „...ums Ganze!“, man müsse die Bewegung zuallererst „differenziert“ betrachten. Bei letztgenannter Stellungnahme werden div. „Bewegungsteile“ aufgezählt – sozialdemokratisch, antiimperialistisch, etc. – und eben auch solche, die „Schnittstellen zum Rechtsextremismus aufweisen“. „Alexandra“ – Mitglied der Göttinger Antifa-Gruppe „redical M“ und des „...ums Ganze!“-Bündnisses – gibt in einem Interview der „Phase 2 Berlin“, angesprochen auf den Antiamerikanismus und den Antisemitismus als ideologischen Kitt der Antiglobalisierungsbewegung und Anschlussstelle für Nazis und Islamisten, folgende Antwort: „Ja, nee. Es ist keine neue Erkenntnis, dass es innerhalb der NoGlobal-Bewegung Positionen und Strömungen gibt, welche antiemanzipatorisch und reaktionär sind. Wir halten es für falsch sich deshalb von diesem Event als solchen zu distanzieren und quasi mit unserer Kritik außenstehend zu verharren. Zuerst einmal bleibt festzuhalten, dass die Position des/der (links)radikalen KritikerIn ohne Praxis und Nutzung des öffentlichen Interesses am G8 im Regelfall eine relativ isolierte ist und somit innerhalb des Spektrums, welches in Heiligendamm inclusive medialer Weltöffentlichkeit zu erwarten ist, auch kein Gehör und somit keinen Einfluss findet." (Fehler im Original) All diesen Überlegungen liegt eine gemeinsame Fehlannahme zu Grunde, die unmittelbar dem Selbstverständnis als „Bewegungsspektrum“ geschuldet ist: Politische Veräußerungsformen – von Transparenten, die zur Zerschlagung Israels aufrufen bis hin zum zum gemeinsamen Versuch, George W. Bush am Flughafen aufzulauern – sind nicht in sich geschlossenen Personenkreisen zuzuschreiben, die in abstrakter Trennung vom Rest der Bewegung agieren: Sie sind stattdessen Ausdruck einer latenten Bereitschaft, solcherlei Humbug von aktiver Duldung bis offener Befürwortung zu tragen. Sie sind Ausdruck eines die Gesamtheit aller Mitglieder umfassenden Verhältnisses, einer mehr oder minder offen ausgesprochenen Übereinstimmungen hinsichtlich bestimmter Aspekte, die der eigenen Logik als Bewegung gegen das äußerlich markierte Feindbild „G8“ – bzw. das was die kollektive Fantasie daraus zu machen pflegt – entspringt. Es sind Ausdrücke einer groß angelegten, in verschiedenster Qualität auftauchenden Projektion, die sich ihre äußeren Objekte reichlich willkürlich zusammensucht: „G8“, „Kapitalismus“, „George Bush“, „Israel“, „Sicherheitszone“ sind lediglich abstrakte Vorstellungen einer nicht einmal annähernd verstandenen Welt. Der Affront gegen sie ist keiner, der hie und da – „emanzipatorische Kräfte“ o.ä. – zu diskutieren wäre und an anderer Stelle – dort wo es dann „Schnittstellen zum Rechtsextremismus“ aufweist oder sonstwie „ins Reaktionäre abgleitet“ – nicht. Es sind beide gegeneinander ausgespielten Pole – "emanzipatorisch", wie "reaktionär" – zwei Seiten der selben Medaille. Es ist bereits die zu Grunde liegende, zutiefst emanzipationsfeindlichen Vorstellung einer durch das G8-Treffen verwalteten und gesteuerten Welt, die das ganze Desaster der Bewegung ausmacht. Die MAD Köln hat mit erstaunlichem Wohlwollen noch in jüngster Zeit in aller Ausführlichkeit in Erinnerung gerufen, dass eine solche Annahme der rationalen Grundlage entbehrt. Davon dürften auch die Teilhaber von „...ums Ganze!“ Wind bekommen haben. Trotzdem noch die These aufrecht zu erhalten, die Veranstaltungen rund um „G8“ eigneten sich zur „kritischen Intervention“ besser als die Loveparade, ist im besten Falle Realitätsverlust, im weitaus wahrscheinlicheren Falle der erste Schritt zur Hingabe an den globalisierungsfeindlichen Pöbel. Letzteres ist dann wohl auch der „Antifa[f]“ in einem ersten Vorgeschmack gelungen, als ihr Vertreter während der Oberhausener Podiumsdiskussion dafür plädierte dem Palästinasolidaritätsblock – dem Inbegriff einer Solidarität mit der islamistisch dominierten, palästinensischen Nationalbewegung also – doch per guter Zurede – „kritischem Dialog“, wie es wörtlich hieß – beizukommen. Solche Exzesse sind eben die Konsequenzen der völlig irrsinnigen Annahme, dass eine politische Bewegung sich ihrer abscheulichsten Erscheinungsformen schlicht und einfach entledigen könnte, da sie daran ja aus irgendwelchen Gründen angeblich grundsätzlich interessiert sein müsste. Diese Gründe – „eher progressive[r] Anspruch“, sagt eine gewisse „Mandy“ („Antifa[f]“ / „...ums Ganze!“ ) im „Phase 2“-Interview – seien z.B. ein „unbestimmter humanistischen, bzw. sozialdemokratischer Drang nach Verbesserung“ (Fehler im Original), als würden zutiefst humanistische und insbesondere sozialdemokratische Beweggründe nicht in aller Regelmäßigkeit Mord und Totschlag begleiten. Dieser Ansatz endet also dort, wo er auch direkt – und ganz ohne „wertkritische“ Verkleidung – hätte einsetzen können: im Versuch, der inneren und äußeren Ahnung der eigenen Ohnmacht durch Annäherung an die mächtigwirkende Bewegung beizukommen.



Das Ärgerliche an Gruppierungen wie „…ums Ganze!“ ist vor allem der Umstand, dass sie für alle ihnen vorgehaltene Kritikaspekte das nötige Instrumentarium aufweisen, das ihnen den Einblick in jene ermöglichen würde. Zu Beginn des Online-Interviews betont der Vertreter, es wäre insbesondere ärgerlich, dass die Forderungen der gegen den G8-Gipfel Protestierenden „eigentlich an die gestellt werden, die sie ja kritisieren, nämlich an die G8 selber, das heißt, es sollen härtere oder strengere Umweltstandarts beim Klimawandel eingesetzt werden, es soll kriegerische Intervention beendet werden oder die Entwicklungshilfe aufgestockt werden“[1]. Ihre Kritik daran wollen sie explizit als in der Tradition von Marx und der Kritischen Theorie verstanden wissen wollen. Unerläutert bleibt, warum ihnen der gegen Konstruktivität gerichtete Kritikbegriff an dieser Stelle so einsichtig bleibt und sie andernorts erklären, „eher so etwas [zu] versuchen, wie „in die Bewegung zu wirken““ („Alexandra“, „Phase2“-Interview, Anführungsstriche im Original) oder angesprochen auf die triviale Frage, warum sie denn den Anschluss während der Heiligendamm-Proteste suchen, zur Antwort geben: „Ja, weil man als linksradikale Gruppe äußert man ja nicht Kritik, weil man denkt, es ändert sich sowieso nichts, also wenn man davon ausgeht, dass ändert sich nichts, dann braucht man auch gar nichts kritisieren, weil im Akt der Kritik unterstellt man ja dem Gegenstand, den man kritisiert, es könnte auch anders sein“ („…ums Ganze!“, Online-Interview). Es wird an dieser Stelle, auf Grundlage der der Realität widersprechenden Annahme, den „wahnsinnig großen Haufen Leute, die nach Heiligendamm fahren“ müsste es a priori unheimlich interessieren, was die Linksaktivisten so übers „Ganze“ zu erzählen haben, weil sie ja wüssten, dass „hier was verkehrt läuft“ („Alexandra“, „Phase 2“-Interview), der Kritikbegriff relativiert, um seinen kritischen Stachel der Realität von Politik und Massenökonomie zu opfern. Nur darum behauptet der Vertreter von „…ums Ganze!“, Kritik – die selbstredend nicht in Großdemonstrationen, sondern im Zweifelsfalle wohl eher bei Alex Feuerherdt zuhause anzutreffen ist, um einen Streitpunkt der Oberhausener Diskussion noch einmal aufzuwühlen – würde nicht unterstellen, dass ihr Gegenstand aus der Welt geräumt sein könnte, sondern dies sei nur dann denkbar, wenn man face-to-face mit dem Gegenstand konfrontiert, vielmehr: in ihn involviert sei.



Zugespitzt könnte man sagen, sind die für die Erfassung des geschilderten Umstandes nicht einmal Denkfiguren vonnöten, die der Antifa neueren Zuschnitts nicht schon begegnet seien. Zum Standartargument jeder antifa’schen „Nationskritik“ gehört der für sich genommen nicht falsche, wenn auch unzureichende Hinweis, dass es die gesellschaftsübergreifende Annahme des „Deutsch-Seins“ des Neonazis ideologische Grundlage ist. Seine Konsequenz reicht den meisten Antifas dahin, der Nation „Adé“ zu sagen. Man stelle sich nun vor, eine Antifa-Demonstration von 500 Teilnehmern würde durch eine kleine Gruppe Deutschlandflaggentragender Jugendlicher begleitet oder einer 10-köpfigen Gruppe Autonomer Nationalisten, die ein Transparent mit der Aufschrift "Nationale Sozialisten gegen Faschismus!" bei sich trügen. Würde ein Teilhaber von „redical M“, „Antifa[f]“, o.ä. darüber diskutieren, was von solchen Demonstration, die dergleichen tragen würde, zu halten sei? Man stelle sich nun noch vor, es würden sich jahrjährlich auf der benannten Antifa-Demonstration die Kids mit Deutschlandflaggen und die Autonomen Nationalisten treffen und würden gemeinsam „gegen Faschismus“ demonstrieren. Es würde wohl niemand ein Bündnis gründen, das Blick „aufs Ganze“ einforderte und hinter dem Block der Autonomen Nationalisten einen antinationalen Block ins Leben riefe, was etwa so absurd wäre, wie die tatsächlich existenten Arbeitskreise zu Antisemitismus und Antiamerikanismus bei „attac“.



Obwohl es sicherlich angebracht wäre, „…ums Ganze!“ noch auf anderen Ebenen Widersprüche nachzuweisen, möchte ich mein Kritikpapier an dieser Stelle abbrechen und noch einmal den Hinweis wiederholen, dass eine Bündnisarbeit unter dem Namen und in den bisherigen Ausformungen als „…ums Ganze!“ keinerlei Zukunft für eine Entwicklung kritischer Begriffsbestimmung in „kommunistischer, also revolutionärer Absicht“ (misstakenidentity) haben kann. Obwohl schon absurd genug die Namensgebung, die dem falschen Ganzen mit einem seiner grundlegendsten Veräußerungen – sich lediglich in, der politischen Parole sehr ähnlichen, Fragmenten darzustellen und auf diesem Wege kohärente Kritik zu lähmen – begegnen möchte, ist auch der wie auch immer ursprünglich intendierte Versuch, Erkenntnisse der jüngsten Debatten um Staat und Kapital bewegungspolitisch neu zu formulieren, auf inhaltlicher Ebene gnadenlos gescheitert. Alles, was die „Antifa[f]“, „…ums Ganze!“, „redical M“ und wie sie alle heißen nun noch versuchen könnten, würde sie nur tiefer in den selbstverschuldeten Schlamassel hinein treiben. Ich stelle also „…ums Ganze!“ hiermit die Entscheidungsmöglichkeit, dem Treiben in der von mir kritisierten Form ein Ende zu betreiben und die Restbestände von kritisch-dialektischem Denken zu neuen Wegen als individuelle Einzelpersonen oder assoziierte Gruppen zu nutzen. „…ums Ganze!“ hat seine Tage als diskutierbare politische Vereinigung hinter sich gelassen.




* Alle Zitate, soweit nicht anders gekennzeichnet, sind dem Reader „…ums Ganze! Smash capitalism. Fight the g8 summit.“ entnommen.



[1] Völlig ungeklärt bleibt an dieser Stelle auch die Frage, warum sie die Handlungsunfähigkeit der G8 erkennen, aber unter Heranziehung von Adornos Vorlesungszitaten „Leichenfledderei“ (Alex Feuerherdt) betreiben, die dem, was sie argumentativ darlegen wollen, völlig zuwiderläuft: „Nicht alles was nicht im kommunistischen Sinne emanzipatorisch ist, ist „quasi-automatisch“ reaktionär. Was die Frage nach der sozialen Frage angeht sind wir der Meinung, dass auch reformistische Distributionskämpfe geführt werden müssen. Auch radikale Kritik braucht Anknüpfungspunkte in gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen. Allerdings mit dem Wissen um ihre Beschränktheit und jenseits von idealisierendem Revolutionskitsch. Adorno hat das mal folgendermaßen auf den Punkt gebracht: „Es wäre eine schlechte und eine idealistische Abstraktheit, wenn man um der Struktur des Ganzen willen die Möglichkeit von Verbesserumgen im Rahmen der bestehenden Verhältnisse bagatellisieren oder gar negativ akzentuieren würde. ( … ) Ich würde sagen, dass gerade die gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen so sehr den Charakter des verbauten haben, dass unter Umständen die armseligsten Eingriffe in die bestehende Realität eine viel größere, nämlich auch, ich möchte fast sagen, symbolische Bedeutung haben als ihnen an sich zukommt“. (Adorno, Einleitung in die Soziologie, 4. Vorlesung)“ („Mandy“, „Phase 2“-Interview, Fehler im Original) Gehen sie also nun doch davon aus, dass auf dem G8 politisch globale Güterverteilung diskutiert wird?

40 Kommentare 7.8.07 17:30, kommentieren

Aufruf zur nicht stattgefundenen Veranstaltung in Krefeld

Hier nun der angekündigte Aufruf der ADK Niederrhein/Ruhrgebiet gegen die Massenmobilisierungen in Krefeld.

 

Krefeld, halt’s Maul – Gegen deutsches Aufbegehren!

Es ist beste Stimmung in Krefeld, denn am 21.07.07 ist Demo-Tag. Die lokale NPD wird zum bereits zweiten Mal das Kaff am Niederrhein mit einem Aufmarsch beehren. Dessen Inhalte („Wir sagen Nein zu Innländerfeindlichkeit durch Medien und die herrschende Politik.“ [Fehler im Original]) entziehen sich zwar gekonnt jeder ernsthaften Betrachtung, aber mehr oder weniger inhaltslose, nationalsozialistische Demonstrationen bewegen bundesweit in aller Regelmäßigkeit einige Hunderte, häufig auch Tausende Aktivbürger zu Gegenveranstaltungen auf die Straße. Es bilden sich parteiübergreifende Bündnisse, die Lokalpresse formuliert den einen oder anderen weinerlichen Artikel und schlussendlich finden sich alle zusammen und „setzen ein Zeichen“ – wie es ihm Jargon des neudeutschen Selbstverständnisses heißt. Krefeld ist in dieser Hinsicht kein Ausnahmefall, ganz im Gegenteil, die erste Nazi-Veranstaltung im Februar brachte knapp 3500 Menschen zu einer Gegendemonstration auf die Straße.

Neue, deutsche Selbstherrlichkeit…

Einen „Feldzug gegen Inländerdiskriminisierung“ hat sich die NPD auf ihre Fahnen geschrieben, denn „antideutsche Zustände“ drohen – so die Wahnvorstellung – der knapp 240 000 Einwohner zählenden Stadt. Einen „Feldzug gegen Inländerdiskriminisierung“ hat allerdings auch das regionale Bündnis gegen den Nazi-Aufmarsch vor Augen, nur verschiebt sich in ihrer Wahrnehmung das herbeihalluzinierte Subjekt dieser sog. Diskriminierung. Auch die tapferen Antifaschisten umtreibt die Sorge, irgendwer könnte ihnen die Identität streitig machen, denn um nationale Identität – und nichts anderes – wird es in den beiden um den 21.07. konkurrierenden Veranstaltungen gehen. Werden erstere – NPD, Kameradschaften, etc. – ohne irgendwelche Abstriche gegen Ausländer, Obdachlose, Drogenabhängige, Homosexuelle und andere den „antideutschen Zuständen“ zu verdankende Volksschädlinge mobil machen, ist dies bei letzteren – Ortsverbände von DKP bis CDU, von den Grünen bis zu den Falken – auf unbestimmte Zeit vertagt. Ihnen wird es genügen, diesen Tag zur national-antifaschistischen Selbstbeweihräucherung zu nutzen. Dieser Antifaschismus deutschnationaler Einfärbung hat mit den Opfern faschistischer Gewalt in Vergangenheit und Gegenwart nichts zu tun. Die Aufmerksamkeit gilt nicht, wie es die Vernunft gebieten würde, den Opfern der Aggression, sondern sie gilt den sich aus den Einzelfällen ergebenden Folgen für Demokratie, Zusammenhalt, Gemeinschaft. Im bzgl. des Abstraktum „Nazi“ Anwendung findenden Gedankengebäude – „wir gegen die“ – weiß sich auf eine ziemlich paradoxe Art und Weise das nationalistische Grundmotiv zu erhalten: Eine nach innen homogenisierte, politisch und kulturell gestärkte Gemeinschaft wird vorgestellt als Garant für den störungsfreien Verlauf des Miteinanders. Durchs Parteiprogramm gesetzte, durch individuelle Interessen hervorgerufene, oder sonst wie geartete Widersprüche verschwinden stillschweigend im Affront gegen den gemeinsamen Feind – „Deutschland ist besser dran ohne Nazis!“ bringt es eines der im Februar mitgeführten Plakate auf den Punkt. Veranstaltungen dieser Art sind Gemeinschaften der anständigen Volksverteidiger, die selbst noch an Tagen, an denen sie die (im Alltag in fast jeder Hinsicht geteilten) Inhalte der Nazis mit besonderer Vehemenz von sich weisen, kaum den Wahrnehmungsapparat des Volksgenossen NPD’scher Parteizugehörigkeit zu verlassen in der Lage sind. Sie haben mit dem Gedanken an eine Welt, in der nazistischen Vergemeinschaftungsmodellen in jeder Hinsicht der Boden entzogen ist, nicht das Geringste zu tun.

Nazis und Antideutsche raus!

Dem Geist der antifaschistischen Wehrgemeinschaft leistet auch und im Besonderen die Linke Vorschub. Deutlich wird dies, wenn sie ihre Liebe zu parteiübergreifenden Bündnissen durch eines ihrer Sprachrohre, den Bezirkssekretär der Falken, Frank Witzke herausschwätzt: Jener nämlich ist überzeugt, dass insbesondere ein Engagement „quer durch das gesamte demokratische Spektrum“ (WZ Newsline, 28.04.07) einer ordentlichen Gegenbewegung ihr Leben einhaucht. Die Linke ist trotz ihres Anspruches auf allgemeingesellschaftliche Emanzipation nur all zu fest in den Ketten der oben benannten Wahrnehmungsformen gefangen. Antifaschistische Aktionstage, bei denen einfach alle gegen Nazis sind, sind ihnen der größte Erfolg. Ob sich an solchen Tagen der auf den Geist der Zeit gebrachte Konsens Deutschlands in Tradition des Nationalsozialismus artikuliert, ist keine Überlegung wert, so lange das Feindbild steht. Da verwundert es auch nicht, dass zwei antideutschen Kommunisten, die im vergangenen Februar auf der Bündnisdemonstration kritische Flugblätter verteilt haben, insbesondere seitens der linken Deutschen Prügel angedroht wurde – man lässt sich halt nicht gerne den Spaß am Mehrheit-Sein verderben.

Wir sind die Guten!

Man könnte sich nun darauf beschränken, den beiden mehr oder minder nazistischen Aufmärschen die verdiente – also gar keine – Aufmerksamkeit entgegen zu bringen. Wir allerdings hegen die Hoffnung, dass sich wohl einige wenige weder mit dem einen noch mit dem anderen deutschen Spektakel anfreunden können und erfreut darüber wären, ihrem Unmut Luft zu machen: Diesen Leuten möchten also auch wir am 21.07.07 ein Medium zur Verfügung stellen – wie es schon im Februar zu Feierlichkeiten des Jahrestages der Bombardierung Dresdens sinnvoll gewesen wäre – und rufen daher dazu auf, gemeinsam zur Demonstration gegen Deutschland, egal in welchem Gewand zu streiten. Wir werden an diesem Tag, so viel dürfte klar sein, die Demonstration mit höchstwahrscheinlich geringster Besucherzahl veranstalten. Wir verzichten damit auf jegliche Anbiederung an den deutschen Mob und belassen es im Zweifelsfalle lieber bei einer Kundgebung mit 30 Leuten, die ohne Abstriche zu verstehen gibt:

Krefeld, halt’s Maul!

Kein Raum der deutschen Selbstvergewisserung!

Naziaufmarsch und Nazivilgesellschaft auf die Pelle rücken!

Antideutsche Kommunisten Niederrhein/Ruhrgebiet

1 Kommentar 6.8.07 17:39, kommentieren

Rückmeldung und Reflexion zum Begriff der Politik

Lang, lang ist's her, dass ich meine Schreibfaulheit überwunden habe und eine Abhandlung für meinen Weblog geschrieben habe. Spätestens die mir in den letzten Tagen zugetragenen Lobreden auf meine kleine Internetpräsenz haben mich nun bewegt, eine kurze Reflexion zu drei m.E. zentralen Ebenen einer kritischen Theorie der Politik publik zu machen und damit - so hoffe ich - eine neue Phase von regelmäßigeren Veröffentlichungen einzuleiten.

Desweiteren werde ich gleich ein nicht verteiltes Flugblatt der Antideutschen Kommunisten Niederrhein/Ruhrgebiet veröffentlichen, welches als Intervention gegen die verschiedenen Mobilisierungen zu Großveranstaltungen in Krefeld gedacht war. Letzteres ist wohl am am besten anhand der Kampagnenseite "Kein Bock auf Euch!" erläutert.

Demnächst werde ich ggf. das Projekt in die Hand nehmen, die linkspolitische Kampagne "...ums Ganze" einer immanenten Kritik zu unterziehen, um der Forderung nach ihrer Auflösung Substanz zu stiften. Anlass hierfür ist mein Besuch der Podiumsdiskussion "G8 - Nach Heiligendamm" mit Vertretern von Antifa[f], Antifa KOK Düsseldorf und dem freien Journalisten Alex Feuerherdt auf dem Jugendantifacamp in Oberhausen. Die durch die Antifa[f] dort verbreitete Propaganda über eine angeblich existente "Israelfrage", ihren Wunsch nach einer Diskussion mit den Islamisten und palästinensischen Nationalisten, deren Block sie während einer Großdemonstration mit einigem Abstand begleiteten und ihr grundlegender Unwillen, das sachliche Argument gegenüber dem identitären Bedürfnis gelten zu lassen, haben mich zu der Entscheidung veranlasst, dass das "...ums Ganze!"-Bündnis keine bloß bemitleidenswerte Randerscheinung der aktionistischen Linken sind, deren innere widersprüchliche Verfasstheit ihren Zerfall unweigerlich nach sich ziehen wird, sondern politische Gegner deren Bekämpfung antideutscher Kritik geboten ist. Mehr dazu demnächst...

Drei Ebenen des Politikbegriffs

Ein kritischer Begriff von Politik hat als eine seiner vorrangigsten Aufgaben, die Wesensverwandtschaft dreierlei verschiedener Phänomene nachzuweisen: Da wären zunächst die etablierten, bürgerlichen und nachbürgerlichen Staatsverhältnisse des Westens - ihre gewaltförmige Genese ist entsprechend ihrer qualitativen Unterschiede nachzuzeichnen und mit ihrem gegenwärtigen Selbstverständnis zu konfrontieren. Desweiteren stünden die verschiedenen auf Staatlichkeit abzielenden Bewegungen - vorrangig wären hier die verschiedenen Ausformungen des politischen Islams zu nennen - im Interesse einer Politikkritik: Es gilt ihr Verhältnis zu bürgerlicher und nachbürgerlicher Staatlichkeit zu beleuchten bzw. ihre Affinität zu "Unstaatlichkeit", wie man es in Anlehnung an Franz Neumann nennen könnte. Auch - und dies erscheint als vergleichsweise überschaubare Aufgabe - aber gilt die Polemik gegen die Sphäre des Politischen den div. innerstaatlichen Bewegungen wie z.B. dem Anarchismus, dessen (seinem eigenen Anspruch widersprechender) Hang zu Staatlichkeit sich beispielsweise dadurch zu erkennen gibt, dass sein Kategorien- und Begriffsapparat dem der bürgerlich-liberalen Ideologie, aber auch der nationalistisch-völkischen bloß allzusehr ähnelt.

9 Kommentare 6.8.07 17:26, kommentieren

Einwanderer und amerikanische Gewaltkultur - Deutsche trauern gegen Amerika

Eigentlich ist die Situation wieder einmal klar genug und niemand, der halbwegs klaren Verstandes ist, wäre abscheulich genug, sie für sein eigenes Innenleben zu instrumentalisieren: Ein Schüler einer Hochschule in Virginia erschoss bei einem Amoklauf knapp 32 Menschen, verletzte zwei Dutzend schwer und richtete sich schließlich selbst. Der Vorfall blickt auf eine traurige Tradition zurück, insbesondere in den letzten 10 Jahren ist die Anzahl vergleichbarer Taten gestiegen. Ein solcher Tag, an dem von Betroffenheit bis hin zu Gleichgültigkeit wohl manche Gefühlslage ihre Berechtigung hätte, ist in Deutschland ein nationaler Feiertag: Denn der Täter ist Einwanderer, südkoreanischer Herkunft, jedem Eingeweihten die Bestätigung, dass eine interkulturelle Gesellschaft zum Scheitern verurteilt ist, der Ort des Verbrechens ist Amerika, wie jeder weiß, der internationale Treffpunkt pathologischer Waffensammler und kriegsgeiler Politgangster. Cho Seung-Hui, der 23-Jährige Student, der das Blutbad veranstaltete ist als Einwanderer unter seinen Mitschülern keineswegs eine Seltenheit. Die liberale Waffengesetzgebung der USA könnten als Vertrauensverhältnis zwischen Bürgern gewertet werden. Doch beide Aspekte der Tat sind den deutschen Medien herausschießender Grund zum achtsamen Aufbegehren: Spiegel Online, eines der wohl größten Nachrichtenportale Deutschlands, macht es vor:

"Eigenbrötler, Englischstudent, Einwanderer", so wird der Täter, dessen Motive, so heißt es im direkt folgenden Satz selbst den Ermittlern ein Rätsel seien, im ersten Absatz beschrieben. Es mag schwer nachvollziehbar sein, aber offensichtlich sind solcherart Charakterisierungen das erste, was einem deutschen Journalisten ins Auge fällt, wenn er gemeinsam mit einer überwiegenden Mehrheit der Nation über des Täters Beweggründe sinniert. Aber ist der erste Stein erst einmal geworfen, kann die Jagd auch gleich beginnen: Ein "Beziehungsdrama" könnte der Anstoß gewesen sein, so zumindest verrät es das "Hörensagen". Beiweitem besserer hingegen klingt schon der Sachverhalt, dass der Täter eine Nachricht hinterlassen hat, in der gegen "reiche Kinder, Lotterleben, Scharlatane" gewettert wird, ein Umstand der im völkischen Gemüt ein liebevolles Fünkchen Solidarität aufsprühen lässt, allerdings nur - der individuelle Lustgewinn beim Erschauern vor dem Täter gewinnt in diesem Wechselspiel Gefühle schließlich doch - um den Südkoreaner letztendlich seiner Wahnwitzigkeit zu überführen: "Die neusten Gerüchte: Er habe Medikamente gegen Depressionen geschluckt, sei zunehmend aggressiv geworden. Die "Chicago Tribune" berichtete, Cho sei in letzter Zeit durch seltsames Verhalten aufgefallen. Er sei "aggressiv und verwirrt" aufgetreten, habe Frauen nachgestellt und in einem Wohnheim Feuer gelegt, erfuhr die Zeitung von Ermittlern."

Um den Themenabend beim gemeinsamen Spiegel Online-Horrorkabinett für verdruckste Gewalttäter komplett zu machen, hält die Redaktion eine ganze Reihe themenbezogener Artikel und Onlinevideos bereit: Dem Kopffühler und Bauchdenker besonders aufschlussreich ist ein mit den Worten "US- Waffenlobby: Selbstverteidigung auf die amerikanische Art" getiteler Kurzfilm. Er verrät - so die in dem Kurzzeiler suggerierte Mittleilung - welchem kranken Milieu ein Einwanderer entspringen muss, der in den Besitz zweier Schusswaffen gekommen ist. Der Film zeigt verschiedene Szenen, zunächst ein Söldnertreffen, eine Veranstaltung auf der Waffensammler und -benutzer den Gebrauch üben können. Besonders vielsagend fürs deutsche Publikum ist die Darstellung eines 9-Jährigen, der von seinem Großvater an der MG dazu aufgefordert wurde auf einen Lieferwagen mit der Vorstellung zu feuern, aus ihm stürmten PLO-Anhänger - ein Umstand, der gerade angesichts deutscher Bundeswehrsoldaten, die lieber auf Neger schießen als ein regelrechter Lichtblick erscheinen sollte. Auch abgesehen davon, dass letztere sich schon insofern beim Gebrauch der Schusswaffe dämlicher anstellen, alsdass sie ihre Ausbilder fragen, ob sie den Finger an die Hülsenauswurföffnung halten sollen, ist das Interview mit dem jungen Schützen, amerikanischer Herkunft dem kritischen Blick ein beiweitem angenehmerer Umstand: "Wenn jemand seine Waffe auf mich richten würde oder anders bedrohen würde, dann würde ich ihn wahrscheinlich erschießen." werden seine Worte mit bedrückter Stimme übersetzt, als würde aus ihm - wenn ich bedroht werde, wehre ich mich - der blanke Wahn sprechen. Auch die darauf folgende Darstellung eines Schuldirektors aus Mississipi, dessen Einsatz mit einer Schusswaffe gegenüber zwei Amokschützen von einem Waffenverband mit einer Auszeichnung gewürdigt wird, möchte wohl mitteilen, dass man sich einem Schicksal gegenüber zu beugen hat, anstatt dagegen Initiative zu ergreifen. Man müsste annehmen, dass solches Engagement gerade im Hinblick auf die jüngsten Entwicklungen auch über irgendwelche Schusswaffenvereine hinaus lobend erwähnt wird, aber das wäre vom durchschnittlichen Spiegelleser wohl zu viel verlangt.

Es gäbe einen Haufen plausibler Gründe, die gegen die oben benannte Darstellung sprechen - welcher kleine Junge würde nicht einmal gerne von seinem Großvater zu einem Ausflug aufs Schießgelände ausgeführt werden und ist die Beschaffung einer Waffe innerhalb Europas tatsächlich regelrecht verunmöglicht? - aber solche Reaktionen sind keinerlei Aufklärung zugänglich. Schon vor einiger Zeit schrieb ich in Bezug auf den Amoklauf von Emsdetten: "Wenn eine überwiegende Mehrzahl von 82,5 Millionen Menschen als Teilhaber einer Nation eine Sache verurteilt, dann kann ohne Weiteres davon ausgegangen werden, das diese überwiegende Mehrheit sich in dem Objekt wieder entdeckt und bloß umso lauter schreit, je mehr sie sich nach dem Verdammten sehnt." Dieser Satz beweist in den heutigen Tagen seine traurige Aktualität, bloß ist der Kampf, um den es heute geht, keiner für das enge Zusammenrücken von Volk und Staat, z.B. durch das Verbot von Videospielen, sondern dieser Kampf - und das ist nicht weniger beunruhigend - ist ein kulturelles und politisches Aufbegehren gegen die neue Welt.

2 Kommentare 17.4.07 23:58, kommentieren

Ein Nachtrag

Bevor ich um der dämlichen Zeichenbegrenzung vom MyBlog zu entgehen beim Hin- und Herkopieren von Textfragmenten wahnsinnig werde, widme ich der ausführlichen Antwort von "Gute Fee" und den leider bloß teilweise dargestellten Antworten von "Flo" auf meinen Beitrag "Es wird eben gelogen, gelogen, gelogen, ohne Ende" einen eigenen Eintrag. Ich bitte zu entschuldigen, dass ich den Text, den ich außerhalb des MyBlog-Editors verfasst habe nun nachträglich nicht mehr zu einem zusammenhängenden Beitrag ausarbeite.

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@flo: die zeichenbegrenzung hat mir selbst schon zu schaffen gemacht, einfluss darauf nehmen kann ich meines wissens nach nicht. ich werde externe zitate aus platzgründen wegkürzen.

"Polemisch , guter Aufmacher, den Wetmüller zu zitieren und es als "Lüge" zu bezeichnen, wenn ein anderer Mensch das unsägliche Zitat mit einem anderen Bahamas Text, zwei Ausgaben später, verwechselte."

reichlich verwunderlich unter der bedingung, dass die person selbst meinen hinweis, dass es falsch ist, noch zum anlass genommen hast, es insoweit zurechtzurücken, dass es ins eigene bild passt und selbst den gefolgten hinweis, dass die redaktion bahamas überhaupt nicht der menschenschlag ist, der texte nachträglich verändert widerum zur feststehenden behauptung genutzt hast, sie hätte das in jedem fall getan. da drängt sich doch der verdacht auf, dass sie wider besseres wissen gesprochen hast, oder?

"Die inhaltiche Kritik wird dadurch nicht nichtig, nur weil das "schlechte Sex"-Zitat nicht in der "Infantilen Inquisition" stand, sondern im Otto Zeiger Text, der mal viel klarer formuliert, dass es sich bei der Vergewaltigung eigentlich nur um schlechten Sex handelte. Herzlichen Glückwunsch."

mal rein hypothetisch: wenn die phase 2 berlin in der phase2 einen artikel veröffentlichen würde, indem sie sagen würde, dem kapital ist nur durch klassenkampf beizukommen und ein dreiviertel jahr später die antifa(f) schreiben würde, man müsse kapitalisten womöglich im verlaufe der revolution an die laterne hängen: was wäre dann über die phase2 ausgesagt? richtig, nicht viel.

"Bei der inhaltlichen Kritik an der Bahamas ist es unerheblich, welcher Autor ansich, diese Zitat gebracht hat, vielmehr geht es darum, dass zum einen ein weitergehender Kritik-Text im Anschluss an die "Infantile Inquisition" nicht veröffentlich wurde, aber Zeigers "dümmlich, Bildniveau"-Abriss, der aufzeigt, wie doch alles wirklich ist."

achso ist das, das hieße also - um beim beispiel zu bleiben - dass im grunde genommen, eigentlich, wirklich, die phase2 zum kapitalistenaufhängen mobilisiert. das alles "wirklich" so sei, wie es dir passt und du nicht einmal bereit bist, einzugestehen, dass der vorwurf, die redaktion bahamas würde vergewaltigung als "schlechten sex" bezeichnen schlicht und einfach so nicht stimmig ist.

 

@"Gute Fee"

"Schön das du deinen Artikel mit der Unterstellung beginnst, dass ich gelogen habe und damit beendest, dass es hier um nichts anderes als "Antideutschenbashing" ginge."

du hast auf den zweimaligen(!) hinweis, dass es nicht stimmt, behauptet, die bahamas hätte ihren text nachträglich verändert und hast nicht einmal einsehen wollen, dass es der printversion zu entnehmen ist, dass es nicht stimmt: ich halte dich nicht für blöd, also urteile ich dementsprechend. und das es um nichts anderes ginge als um antideutschenbashing hat außer dir auch niemand - zumindest nicht ich - behauptet: "Dies seien bloß zwei nachträgliche Korrekturen, die die inhaltliche Ebene der "Definitionsmacht"-Diskussion natürlich rein gar nicht berühren und dies auch gar nicht sollen."

"Das du den Inhalt nicht berühren willst, soll in Anbetracht deiner Äusserungen auch nicht weiter verwundern. Das die Diskussion, auf die du dich hier beziehst,nämlich durchaus inhaltlicher Natur war lässt du bewusst aussen vor."

was meinte ich denn dann mit der "inhaltliche[n] Ebene der "Definitionsmacht"-Diskussion"?

"Stattdessen wird der Artikel zum Paradebeispiel paranoider Antideutscher, die bei einem Angriff auf ihre identitätsstiftende Szenepostille gleich meinen, man hätte es
hier mit "Antideutschenfressern" oder "antideuschen Antideutschenfressern" zu tun."


wenn die "angreifer" der "identitätsstiftenden szenepostille" merkwürdigerweise fast ausnahmslos ihre antideutsche position anhand der negativfolie "bahamas" zusammenkleistern und dann zumeist noch recht eng mit den traditionsantideutschenfressern auf tuchfühlung stehen, dann ist das doch eine nicht ganz abwegige annahme, right?

"Ein Wunder, dass man nicht gleich als Antisemit und/oder Feind Israels denunziert wird."

stimmt, ein "wunder". wo "man" doch sonst immer "gleich" als "antisemit und/oder feind israels" "denunziert" wird wenn es um etwas völlig anderes geht.

"Weiter aber erstmal mit einem Eingeständniss: Ja, ich habe die "Infantile Inquisition" von Justus Wertmüller und Uli Krug in Bezug auf das "schlechter Sex" -Zitat mit dem in selber Zeitschrift veröffentlichten "Bandenkrieg um die
Villa Kunterbunt" von Otto Zeiger verwechselt. Da es bei der Diskussion kurze Zeit um dieses Zitat ging und du es nicht kanntest,..."


ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht kannte - ich habe sogar betont, dass ich von einem abschnitt aus einem anderen(!) text wüsste indem die wortkombination auftaucht - sondern, dass es in dem text mit unumstößlicher sicherheit - ich sagte, dass ich ihn vor nicht einmal einer woche gelesen habe - nicht zu finden ist.

"... habe ich die Vermutung geäussert, dass wir da eventuell zwei unterschiedliche Versionen des Textes gelesen haben könnten."

für eine vermutung warst du aber beachtlich laut und selbstsicher.

"Dieser Umstand ist ja jetzt aufgeklärt, hat aber für dich keine Konsequenzen."

doch, hat es. z.b. demnächst mal den text von otto zeiger lesen.

"So geht es nicht darum, das die Verharmlosung einer Vergewaltigung als schlechter Sex eben doch in der Bahamas veröffentlich wurde, nein, dir geht es hier um Ehrenrettung für Wertmüller und Krug,"

ich habe in dem text doch gar nicht über wertmüller und krug geredet ( "Man mag von diesen Zeilen halten, was man möchte" ) sondern über deine behauptung.

"indem du feststellst, dass selbst "wenn" dem so wäre, es ja immerhin nicht von oben genannten Autoren käme. Als wäre die Redaktion Bahamas nicht für die Veröffentlichungen in ihrer Zeitschrift in die Verantwortung zu nehmen. In welchem Artikel
besagtes Zitat nun also wirklich steht ist im Grunde scheißegal. "


stimmt, es wäre egal, wenn solche fehlannahmen - die ich getrost als irrtümer abschreiben würden - nicht immer und immer wieder dazu dienen würden, eine generalabrechnung mit der bahamas aufzuziehen, völlig ungeachtet der tatsache, dass es wohl kaum eine zeitschrift gibt, die sich nicht durch einzelartikel erledigt haben könnte. aber darum geht es eben bei der beurteilung nicht sondern um das zusammenbasteln einer politischen identität und das ist meine kritik.

"Das du nicht feststellen kannst, das die Redaktion eine Vergewaltigung verharmlost soll auch nicht weiter verwundern, stützt sich deine Erkenntniss und die der Autoren eben auf ein Gerücht, wie es gewesen sein soll, und nicht auf die klare Äusserung des Opfers: (...)"

stimmt, in dieser hinsicht habe ich mich auch an dem artikel gestört: krug und wertmüller kritisieren, dass das subjektive empfinden einer vergewaltigung in politische zusammenhänge erhoben wird und die daraus erwachsenden folgen, aber versuchen sich gleichermaßen selbst in einer defintion. das ist mehr als inkonsequent. darüber, "eingestandenen Unsicherheiten", die sie sich und z.b. den vertretern der ollafa zugute halten eine verniedlichung von vergewaltigung zu entnehmen, mag man dann auch noch mal diskutieren.

"Aus der ganzen Sache wird nichts weiter, als ein unglücklicher Abend zweier ehemals Verliebter, die sich im Eifer des Gefechts etwas übernommen haben und mit einem "Kater" aufwachen. Wem die Redaktion, und du, hier glauben schenken, ist mehr als klar. Und wird noch deutlicher. (...)"

as i said, darin liegt eine inkonsequenz in der argumentation und das mag problematisch, falsch und kritikwürdig sein. das haben andere aber nichtsdestotrotz vernünftiger formuliert, als es von jenen seiten kommt, die in folge dieses artikels eine veranstaltung gestört und attackiert haben (http://www.redaktion-bahamas.org/aktuell/volkszorn.htm) bzw. diesen artikel zum anlass nehmen, von "postantideutschen" zu sprechen, die "vergewaltigung verniedlichen". vernünftige kritik - und trotzdem nicht der weisheit letzter schluss - klingt dann z.b. so: http://www.conne-island.de/nf/75/26.html

"Aus dem ‚Lust machen‘, das schon in der Aussage des Opfers in Anführungstriche gesetzt ist und damit wohl eher als eine wieder aufgegriffene Äusserung des Täters zu verstehen ist, wird kurzerhand eine Lustfeindschaft, mehr noch, das
gute alte Klischee der Frau die "nein" sagt, aber "ja" meint wird auch gleich mit verwertet. Wenn man nur hartnäckig genug ist, dann kann aus dem "nein" eben doch noch ein "ja" werden. Was von Wertmüller und Krug hier noch subtil formuliert
wird, bringt Zeiger auf den Punkt."


es wird nicht aus dem "nein" der frau eine lustfeindschaft sondern aus den reaktionen der politischen linken, die glauben, durch den ausschluss von vergewaltigern, durch das errichten von schutzräumen und definitionsmacht dem problem der gewalttägigen, unter kapitalen verhältnissen geborenen sexualität auf die schliche zu kommen: "Am Ende einer Debatte, die nie eine war, weil die Teilnehmer gegen das Argument genauso resistent sind wie gegen die zur Verhandlung stehende Realität, herrschen Haß und Feigheit; das Begriffsarsenal ist auf zwei Wörter, Partriarchat und Definitionsmacht, zusammengeschrumpft. Der ganze Jammer des Geschlechter- und Liebeskrieges – auch unter Gleichgeschlechtlichen – bleibt verborgen, ja wird entsorgt durch eine Haltet-den-Dieb-Rhetorik, die im als „Vergewaltigung“ rubrizierten „Lust-Machen“ das Böse schlechthin sieht und eine Gemeinschaft der Unbefriedigten geschmiedet, die im „Täter“-jagenden Halali sich einigt." die beiden trennen im verlaufe des textes einfach wesentlich schärfer zwischen den zwei verschiedenen dimensionen, die die benannte tat in berlin umkreisen: die tat selber (und darin - insoweit stimme ich mit dir überein - mischen sie sich zu weitreichend ein) und die darum existierende politische debatte (der text ist ja schließlich getitelt "Vergewaltigungsdebatten in der Szene: Verdränger werden Verfolger" und nicht "Angebliche Vergewaltigungsopfer werden Verfolger" ). letzterer attestieren sie, das je subjektive innenleben der debattenbeteiligten - und damit meinen sie und das wäre zu kritisieren in teilen eben auch die betroffene - zu politischen kriterien auszuarbeiten und auf diesem wege projektiv ihre inneren konflikte abzuarbeiten. und man mag sagen was man möchte, wenn eine situation als "vergewaltigung" (wie sehr das subjektiv und objektiv die sache auch charakterisieren mag) beschrieben wird, dann spielt nicht bloß das innenleben von bild-lesern und taff-guckern verrückt und entlädt sich nach außen sondern eben auch das von linken.

"Da wird aus der Diskussion um die Infantile Inquisition "...ein nicht enden wollendes Gespräch über einen Fall von schlechtem Sex aus dem Jahr 1998...".
Der Täter wird zum eher komödiantischen "Helden" eines kleinen Schauspiels: "Der Held des kleinen Dramas also hat es noch einmal wissen wollen und alles,was ihm an Charme und körperlicher Ausstrahlung zur Verfügung stand, noch einmal
massiv zum Einsatz gebracht, fast wie in den besten Zeiten. Und es ist ihm gelungen, zum Ziel zu kommen." "


wie das im einzelnen mit dem text von otto zeiger aussieht, kann ich dir erst nach seiner lektüre sagen.

"Aus der, wie auch immer, erzwungenen Penetration wird also ein massiver Einsatz von Charme und körperlicher Ausstrahlung.Und aus dem Bewusstsein des Täter, dass er hier irgendwie eine Grenze klar überschritten hat, leiten Wertmüller und Krug eine lustfeindliche Szenemoral ab: (...) "

"charme" und "körperliche ausstrahlung" attestiert zeiger, die beiden worte tauchen in dem krug/wertmüller-text nicht auf und dementsprechend leiten sie von dort ausgehend auch nichts ab. der besagte abschnitt, indem sie thomas einen "inneren politkomissar" attestieren stellt doch nicht unberechtigterweise die frage: warum sagte thomas nicht "habe ich dir weh getan?", "ich habe gerade ziemliche scheiße gebaut", "ich habe dein 'nein' nicht akzeptiert" sondern er fragte, ob sie das als vergewaltigung ansähe: was wäre denn, wenn sie "nein" gesagt hätte? wäre es dann keine mehr gewesen obwohl er tatsächlich eine begangen hätte? es ist keineswegs absurd, darin eine szenemoral wiederzuerkennen.

"Das du eher an der "Wahrheit" bzw. Gerüchten interessiert bist und dir die subjektive Äusserung eines Opfers nicht reicht, hast du in der Diskussion mehrfach bewiesen."

den "beweis" bist du mir aber schuldig geblieben. im übrigen habe auch ich mehrere male deutlich gemacht, dass es mir nicht um die frage danach geht, wie es im je einzelnen fall aussieht sondern darum, wie "die szene" damit auf abstrakter ebene umgeht.

"Der Text von Sinistra und gigi gehen m.E. zur genüge auf das Thema ein, darum das ganz hier eher fragmentarisch."

was wäre nun gewesen, die texte wären hier nicht verlinkt gewesen? wärst du dann ausführlicher darauf eingegangen? beim überfligen des sinistra-textes fällt mir im übrigen auf, dass der eine abschnitt, der sich mit ausgabe 32 beschäftigt auch eher fragmentarisch gehalten ist.

"Es sei noch angemerkt, das ich kein Interesse an einer Diskussion habe. Da fehlen mir Zeit und Lust zu. Mal ganz abgesehen davon, das es ankotzt dieses Thema wieder und wieder diskutieren zu müssen. So long..."

"immer und immer wieder"? merkwürdig, ich glaube, das war das erste mal, dass ich von dir eine stellungnahme zu der frage von dir mitbekommen habe. ich kann dir da selbstverständlich nichts vorschreiben, aber ich selbst eigne mir sachverhalte nicht an um sie dann bei mir zu behalten weil mir "zeit und lust" fehlt sondern zu dem zwecke, sie weiterzutragen.

wann - sofern du denn "zeit und lust" hast, versteht sich - beantwortest du mir eigentlich die frage, warum nun diese diskussion den sprech von "postantideutschen" plausibel und das lesen der zeitschrift bahamas zu einem untragbaren unding macht? das habe ich noch nicht ganz verstanden...

12 Kommentare 20.3.07 16:51, kommentieren

Flugblatt der ADK Niederrhein/Ruhrgebiet

Als Reaktion auf den mehr als misslungenen Aufruf (1 bzw. 2) der Kampagne "Goliat muss weg!" haben am 17.03.2007 die "Antideutschen Kommunisten Niederrhein/Ruhrgebiet" und die "A.G. Kollektive Individuation Niederrhein" zwei Flugblätter verteilt und die Demonstration mit zwei Transparenten ("Kein Friede mit den Feinden Israels" und "...daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe." ) und einer Israel-Fahne begleitet. Im Folgenden eines der beiden Flugblätter, das Zweite folgt ggf. in den nächsten Tagen.

 

… Warum die Antifa das Volk so gerne mag …
Interventionspapier der Antideutschen Kommunisten Niederrhein/Ruhrgebiet



„Die schummerigen Selbstbekundungen guter Gesinnung sind nicht, wie manche inbrünstig hoffen, der noch infantile Beginn politischer Erleuchtung, sondern ein letztes Signal, mit dem sich die selbstverschuldete Überflüssigkeit der Opposition ein gutes Gewissen schafft.“

Eike Geisel



Es ist wieder einmal soweit: Einige aufrechte „BürgerInnen“ ( Aufrufstext der Initiative „Goliat muss weg!“ ) versuchen sich in aktiver Vergangenheitsentsorgung. Anlass bietet ein kleiner Hooligan-Store, der u.a. die regionalen Nazi-Kleintrupps mit Klamotten der Marke „Thor Steinar“ versorgt. Einem solchen Treiben wollten aufrechte Antifaschistinnen und Antifaschisten nicht länger zusehen und haben daher für den heutigen Tag zu einer Demonstration gegen „Goliat“ aufgerufen. Im Folgenden protokollieren wir einige Einwände, die wir gegen solche Formen dusseligen Politik-Betreibens im Allgemeinen und gegen die benannte Kampagne im Besonderen erheben.

„…gar wie „Alternative“…“ und das in „unserer Stadt“…

Die Deutschen stellen sich ihre Nazis immer und immer wieder nach ihrem eigenen Innenleben zusammen: Mal sind es „Ausländer raus!“-grölende Stiefelträger, mal gerissene Demagogen in Anzug und Krawatte, ein anderes Mal eben clevere Strategen, die gezielt Jugendbewegungen unterwandern und zu diesem Zwecke ihre Kleidung okkupieren. Letzteres klingt dann folgendermaßen: „Längst laufen die meisten Nazis völlig unauffällig oder gar wie „Alternative“ gekleidet durch die Läden, Kneipen und Discos des Landes.“ (Aufrufstext) Die Botschaft ist klar: Eigentlich sind die Nazis keine echten „Alternativen“, sie tun bloß so, um nicht erkannt zu werden und von der Mehrheit isoliert zu werden. Denn die Mehrheit, die wissen die Betreiber einer „Antifaschistischen Demo“ selbstverständlich hinter sich: In der Vorstellung breiter Teile der Antifa existiert ein bunt zusammen gewürfeltes Gesellschaftsbild: Alternative, Bürger, Migranten, Subkulturen verschiedenster Art, dann ein breites Parteienspektrum – und eben die Nazis. Erstere - die Gesellschaft, die Bevölkerung, das Volk - haben mit Nazis nichts oder nur sehr wenig zu tun und sind dementsprechend von ihnen tendenziell in irgendeiner Weise bedroht: Sei es, dass sie in das direkte Feindbild fallen oder dass sie womöglich ihrer sog. Propaganda anheim fallen könnten. Dieses Gedankenmodell – bloß in der Perspektive verschoben – findet sich vom Fußvolk bis in die Bundesregierung, vom regionalen SPD-Vorstand (“Der Laden muss weg” - SPD-Ratsherr Friedhelm Lueg) bis hin zu den örtlichen „antifaschistischen“ Kleinbewegungen. Kein Moment von Skepsis ist es den Verfechtern von bunter Vielfalt, Weltoffenheit und Völkerverständigung wert, dass Nazis überhaupt an Jugendbewegungen anknüpfen können, lediglich die Tatsache, dass sie es machen, irritiert.

„…selbsterklärte „Nationale Sozialisten“…“ und Volkes Zorn…

Dabei muss nicht lange gesucht werden, um strukturelle Parallelen zwischen dem autoritär-martialischen Skinhead-Outfit klassischer Prägung und dem uniform-gemütlichen Look von Skatern, Antifas, Autonomen Nationalisten oder sonst welchen Alternativen zu finden. Denn bei genauer Betrachtung sind die Motivationen von verblüffender Ähnlichkeit. Sowohl Nazis als auch sog. Alternative streben durch die Vereinheitlichung ihres Kleidungsstils die Aufgabe dessen an, was als störend empfunden wird im ersehnten Gleichklang der Menge: Individualität, Differenz, Selbstbestimmung und Kreativität. Da das Wissen um diese Tatsache im Hinterkopf juckt, wird es in verzerrter Weise einem äußeren Feindbild zugeschrieben: Es ist dies die Wurzel des heute praktizierten „Antifaschismus“, der den Nazis nichts anderes vorzuwerfen in der Lage ist, alsdass sie „uns“ die Kleidung weggenommen haben. Dies wäre für sich genommen noch ein relativ geringes Problem, es wäre ein absolut unbedeutender Kleinkrieg zwischen Subkulturen. Wohl beunruhigender ist, dass sich die Veranstalter der heutigen Demonstration nicht bloß in ihren ( bzw. denen „des Landes“ ) Läden, Kneipen und Discos und ihrer Kleidung von den feisten Nazi-Populisten bedroht fühlen sondern mit ihnen noch um ihre Ideologie konkurrieren möchten: Dieser Wunsch äußert sich verholen, wenn die Veranstalter den Gegner zu „selbsterklärten „Nationale Sozialisten““ umlügen, ihnen also per Anführungszeichen den Rang aberkennen. Wie bereits im oben benannten Themenfeld erniedrigen sich auch hier sog. Antifaschisten dazu, aus nationalen Sozialisten par excellence ein paar Spinner zu machen, die von echtem, wahren nationalen Sozialismus nichts verstanden haben sollen. Den echten nationalen Sozialismus – so darf man solche subtilen Konkurrenzkämpfe wohl weiter denken – vertreten lediglich die Betreiber der Demonstration, die Alternativen, Bürger und Parlamentarier. Sie haben es im Gegensatz zu den Nazis klassischen Zuschnitts verstanden, wie man auf einer Mischung aus Anti-Nazi-Demonstrationen und Volkes Stimme ein für die Zukunft gewappnetes, neues Deutschland voranträgt. Dann kann man sich auch ohne weitere Skrupel leisten, anderen vorwerfen, sie würden dem „kriminellen Milieu“ entspringen und wollten lediglich „abkassieren“: Völkische Denkformen entnazifiziert über die Runden gerettet.

„Keine Parteiveranstaltung“ – einfach nur deutsch…

Passend zum monotonen Nachgeschwätze dessen, was in jeder Bundestagsrede rhetorisch besser formuliert wird, machen schlussendlich die Veranstalter deutlich, wen sie auf ihrer Demonstration nicht sehen wollen: „Anhänger von Diktaturen“, „Volksverhetzer“, „Rassisten“ und die „Träger von Partei-, Nationalitäts-, und Religionsfahnen“, kurz: Träger der Flagge des Staates Israel. Wir sind uns nach Beschäftigung mit der Kampagne „Goliat muss weg!“ nicht sicher, ob wir es überhaupt mit Leuten zu tun haben, die sich als Kommunisten begreifen und ob es dementsprechend ratsam ist, sie an diesem Maßstab zu messen. Ausgehend von der Erfahrung, dass selbst der dumpfeste, deutsche Antifaschismus nicht ohne ein Fünkchen von zusammengekleisterter „Gesellschaftskritik“ auskommt, wählen wir die Abschlussworte ohne Abstriche: Wer von sich beansprucht, nationalem Sozialismus entgegenzutreten, kommt um einen Begriff von Gesellschaft im Allgemeinen und einer Kritik an deutscher Vergemeinschaftung im Besonderen nicht herum. Insbesondere letzteres kann bloß zu der Einsicht führen, dass sich im gesellschaftsfähigen Antifaschismus nichts weiter als postnationalsozialistischer Antitotalitarismus bis hingehend das verabscheuungswürdige Verfolgungsbedürfnis des deutschen Volksgenossen artikuliert. Solcher Ideologie redet bloß nach dem Mund, wer „unsere Stadt“ oder die „Bevölkerung“ gegen „Nazis“, „Anhänger von Diktaturen“, o.Ä. in Schutz zu nehmen versucht. Praktizierter Antifaschismus kann nichts anderes bedeuten, als „unsere Stadt“ und die „Bevölkerung“ ins Hauptaugenmerk der Kritik zu nehmen – alles andere ist deutsche Identitätssuche.


Wir fordern daher:

Keine weiteren Demonstrationen für die deutsche Selbstvergewisserung!

Umfangreiche Kritik am völkischen „Antifaschismus“!

Stellungnahme der Veranstalter zum Fahnenverbot!



Antideutsche Kommunisten Niederrhein/Ruhrgebiet

1 Kommentar 18.3.07 14:21, kommentieren

"Es wird eben gelogen, gelogen, gelogen, ohne Ende." (Justus Wertmüller)

Mein Besuch eines Konzertes letztes Wochenende hat mich auf Umwegen in eine Diskussion über den Artikel "Infantile Inquisition" der "Redaktion Bahamas" (es ist keineswegs ein Text der Redaktion Bahamas sondern einer von Uli Krug und Justus Wertmüller, sehr wohl Redaktionsmitglieder aber eben nicht die Redaktion als Ganzes wie fälschlicherweise behauptet) geführt. An dieser Stelle möchte ich in aller Kürze zwei Behauptungen widerlegen, die ich in der samstäglichen Diskussion bereits als falsch bezeichnet habe, derer sich mein Diskussionspartner aber unumstößlich sicher zu seien schien:

1.) Die Autoren, so der Diskutant, behaupten in ihrem Artikel, "Definitionsmacht" falle hinter den erreichten Stand bürgerlicher Rechtskategorien zurück. In dem Artikel heißt es an der Stelle (es ist eine von mehreren), die sich mit einem quasi-juristischen Definitionsversuch von Vergewaltigung auf allgemeiner Ebene ausseinandersetzt: "Den durch nichts bestimmbaren Willen, ersetzt man also durch eine dogmatische Setzung: Wie du es erlebt hast, so sei es. Der zaghafte Versuch der Ollafa und anderer, objektive Kriterien zu fassen und es nicht beim ausschließlich Subjektiven bewenden zu lassen, zielt in die richtige Richtung, mußte aber scheitern, denn wie ihre Kontrahenten argumentiert sie juristisch und damit falsch: Eine juristische Kategorie wird das, was subjektiv erlitten wurde, niemals fassen können. Juristisch im Sinne von Standrecht und Sippenhaft geriert sich aber auch der antisexistische Mainstream. Er setzt das subjektiv Erlebte als Strafe nach sich ziehenden Bruch des Willens und kürt die Trägerin dieses Willens per gewährter „Definitionsmacht“ zur Richterin oder besser zum Racheengel und bereitet so eine antisexistische Strafprozeßordnung vor." (Hervorhebung von mir) Man mag von diesen Zeilen halten, was man möchte: Die besagte Behauptung, die Verfasser würden den Apologeten der Definitionsmacht vorwerfen, sie fallen hinter das bürgerliche Recht zurück, ist schlicht und einfach falsch.

2.) Desweiteren erschien die Behauptung, in dem besagten Artikel sei Vergewaltigung als "schlechter Sex" beschrieben worden. Meine Antwort, ich habe den Artikel erst vor knapp einer Woche gelesen und es sei nicht wahr, begegnete der Hauptdiskutierende mit der Beteuerung, die Redaktion Bahamas hätte den Text um einzelne Absätze gekürzt und verändert auf die Internetseite gesetzt. Leider gehört Ausgabe 32 zu den wenigen Ausgaben, die ich nicht in meinem Besitz wähne, ich bin daher bemüht, sie als Printversion ausfindig zu machen - deren nachträgliche Fälschung dürfte der Redaktion ja nachweislich schwer gefallen sein - und kann bis dahin "leider" bloß festhalten: Wenn die Redaktion Abschnitte aus dem Artikel tatsächlich - aus Gründen der Selbstverleumdung? - entfernt haben sollte, dann frage ich mich doch ernsthaft, wieso sie den Abschnitt dann in einen anderen Text (der keineswegs von Wertmüller oder Krug und auch nicht von anderen Redaktionsmitgliedern verfasst wurde) im Online-Archiv "verschoben" hat? Womöglich hängt das aber auch damit zusammen, dass es eben beiweitem mehr die sog. Kritiker der Redaktion sind, die alles so lange hin und her schieben, bis es ins vorgefertigte Bild hinein passt.

Dies seien bloß zwei nachträgliche Korrekturen, die die inhaltliche Ebene der "Definitionsmacht"-Diskussion natürlich rein gar nicht berühren und dies auch gar nicht sollen. Es lag mir allerdings aus einem anderen Grund am Herzen, diese Korrekturen nachzureichen, denn es unterstützt dieser Vorfall meine schon häufiger formulierte These (die auch Ausgangspunkt der Diskussion gewesen ist), dass der Affront gegen die Bahamas zumeist recht willkürlich zusammengesetzte und sich an halb-realen Anlässen einschaltende Vorwürfe sind, die nichts weiter als einen Liebäugelei zwischen ganz gewöhnlichen Antideutschenfressern und ganz gewöhnlichen antideutschen Antideutschenfressern begründen: Dass im Zuge dessen manch eine inhaltliche Ebene auf der Strecke bleibt, ist eigentlich nicht weiter verwunderlich.

16 Kommentare 12.3.07 23:57, kommentieren

Ideologiekritik statt Antirassismus

Da es nun insbesondere aufgrund meiner Attacken gegen den Heimatschutz der Achse Leipzig-Ruhrgebiet-Berlin zu der ein oder anderen Diskussion (1, 2) gekommen ist, möchte ich einige Gedanken zum Begriff des "Antirassismus" in Abgrenzung zu einer ideologiekritischen Theorie nationaler Vergesellschaftung äußern.

Im Speziellen möchte ich ein Zitat aus den benannten Diskussionen herausgreifen, das mir als repräsentativ erscheint für ein breiter angelegtes Unverständnis in Fragen der Rassismuskritik:

Da wäre der Benutzer "d-land killen", den es schwer geärgert hat, dass ich den "Tagesspiegel"-Artikel nicht bloß im Hinblick auf seine deutschrassistischen Implikationen kritisiert habe, sondern auch in Bezug auf die darin geschilderten Vorfälle eine Kritik an jenen Stadtteilmilizen geäußert habe, die sich auf Deutschen-, Homosexuellen- oder Judenjagd begeben und meine Solidarität mit den Opfern deutlich gemacht habe. Er schreibt:

"Der rassistische Wahn Deutscher Volksgenossen braucht keine reale Entsprechung; es geht schlicht darum Rationalisierungen für den eigenen Vernichtungswahn zu finden. Migrantische Jugendliche verhalten sich genauso scheisse wie ihre volksdeutschen Unterschichts-Pendants, na und? Wer da wirklich Schutz braucht, um nicht zusammengeschlagen, eingesperrt, gefoltert, abgeschoben oder verbrannt zu werden steht doch außer Frage."

Ich glaube, dass insbesondere in einem solchen Rassismusverständnis die geballte Ladung antirassistischer Ideologie zum Ausdruck kommt: Der "Ausländer" ist passiv, Objekt seiner Umgebung, in Permanenz von Abschiebung und fremdenfeindlicher Gewalt bedroht und - bei aller Realität, die diesen Gefahren selbstverständlich zukommt - nicht handelndes Subjekt, mit freiem Willen ausgestattet und in der Lage zu einem von seinem Status als Migrant unabhängigen Denken: Es ist der Ausländer, wie ihn Staat und Kapital gerne zurichten würden, nicht aber der Mensch, wie er in der Realität mit mannigfaltigen Unterschiedlichkeiten erscheint. "d-land killen" wendet anstelle eines solchen kritischen Einblickes in die Realität Denkmuster auf die rassistische Projektion an, wie sie meiner Einschätzung nach berechtigterweise dem Antisemitismus vorbehalten sind: Denn der Antisemit lebt tatsächlich in einer Traumwelt, in der die äußere Wirklichkeit lediglich Material ist, Material um die innere Welt beisammen zu halten. Seine Rückgriffe auf tatsächliche Begebenheiten sind absolut marginal und sind bloße Anlässe, Mord und Totschlag vorzubereiten. Dies gilt für den Rassismus eben bloß in begrenzter Weise: Auch in ihm spiegeln sich innere Konflikte des Subjektes wider, so viel steht außer Frage. Der Unterschied liegt bloß in einem Sachverhalt begründet, den der Antirassismus nicht - oder nur sehr bregenzt - zu fassen in der Lage ist: Die Parzellierung der Menschheit in Staaten, Völker und Nationen ist eine Realität, eine sehr wohl auf Ideologie begründete - und somit paradoxe - Realität, aber eben eine tatsächliche Begebenheit. Darin ist - das steht völlig außer Frage - der Rassismus vorprogrammiert und kein Mensch würde abstreiten wollen, dass Kräfteverhältnisse sich häufig gegen ökonomisch Schwächere und gegen Minoritäten richten: Das ändert aber nichts an dem Sachverhalt, dass in diesem Prozess der Selbstaufgabe nicht eine durch und durch klare Täter/Opfer-Konstellation wie im Antisemitismus vorherrscht, sondern dass das Täter/Opfer-Verhältnis ein Dynamisches ist. Konkret auf den Frage nach Kleinmilizen, die von ihnen als Juden, Homosexuelle oder Deutsche ausgemachte Individuen durch die Gegend jagen, bedeutet dies, dass ihre Opfer eben sehr wohl Schutz und Solidarität erhalten sollten, auch wenn die Kleinmilizen ihrerseits rassistischer Bedrohung ausgesetzt sind. "d-land killen"s Einwand, migrantische Jugendliche würden sich "genauso scheisse" wie ihre deutschen Schicksalsgenossen verhalten, habe ich in Teilen schon in dem darauf folgenden Kommentar beantwortet, ich möchte nichtsdestotrotz noch einmal den dort geäußerten Gedanken aufgreifen: Im Gegensatz zu ihm bin ich der Ansicht, dass es durchaus Unterschiede gibt in den Kollektivierungsformen sich Deutschland oder anderer Nationen zugehörig fühlender Jugendlicher: Dazu ihren Beitrag haben eben die verschiedenen Rahmenbedingungen, wie sie das Schicksal von Migranten und Deutschen qua staatlichen und gesellschaftlichen Diktat zumeist charakteristisch unterscheiden, also von Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht bis hin zum Bildungsgrad, die primär polit-ökonomischen Unterschiede. Da diese Umstände allerdings m.E. häufig eine Überbetonung erfahren, möchte ich insbesondere einen Blick werfen auf den der individuellen Entscheidungsfreiheit überlassenen Aspekte: Dafür wichtig erachte ich insbesondere die Frage nach dem was ich selbst-ethnifiziernde Maßnahmen nenne. Die Frage, ob jemand einer staatlichen Nationalität zugehörig ist, stellt sich für ihn zunächst einmal nicht, denn diese Entscheidung übernimmt im Regelfall die Gewalt des Souveräns. Die Frage allerdings, inwieweit sich jemand damit bereit ist zu identifizieren, stellt sich für jede Person selbst und wirft - sofern die Frage zugunsten der Identifikation beantwortet wird - entsprechende Fragestellungen in Bezug auf die Definition auf: Was ist Land, Volk, Nation und wie errichte ich meine Zugehörigkeit? Gemäß der Dialektik von Einschluss und Ausschluss ist die Jagd auf "Kanaken" und "Behinderte" hier gewissermaßen schon vorweggenommen. Nichtsdestotrotz ist diese Allgemeinheit im Prinzip Nation keineswegs der letzte Schluss und sollte nicht zu der Fehlannahme führen, der nationale Ausschlussprozess verlaufe immer und überall identisch: Dieser Fehlannahme läuft z.B. der antinationale Israelijäger auf, wenn er die Unterschiede zwischen der IDF und der deutschen Wehrmacht schlicht und einfach zugunsten oberflächlich gehaltener Plattitüden einzementiert.
Doch diese Unterschiede sind eben nicht erst in den größeren geschichtlichen Zusammenhängen zu finden, sie sind mit dem individuellen Handeln vermittelt: In Bezug auf die Differenz zwischen Unterschichtenkids deutscher oder migrantischer Herkunft gilt dies in ähnlicher Weise: zu nennen wäre z.B. der Sachverhalt, dass sich deutsche Jugendliche weit häufiger zu explizit dem deutschen National Sozialismus verpflichteten Kleintrupps zusammenschließen, während dies bei russischen oder türkischen Migranten eher weniger der Fall ist, sie sich eher als Nationalisten in Bezug auf ihre Herkunftsländer verstehen und entsprechend eine eigene Konstellation von Feindbildern aufweisen, wie sie z.B. im Jargon vom "Schinkenfresser" oder der Aversion russischer Migranten gegen Afrikaner und Araber zum Ausdruck kommen.

Bleibt also abschließend zu sagen, dass Antirassismus nicht - bzw. bloß sehr begrenzt - von seiner Neigung abzutrennen ist, existierende Realitäten einer in Völker getrennten Menschheit zu bejahen und mehr als bloß häufig Menschen in ihrer nationalen Borniertheit festzementiert, anstatt eben diese Borniertheit einer Kritik zu unterziehen.

8 Kommentare 14.2.07 16:18, kommentieren

"...mal richtig zuschlagen zu können." oder: Kreuzberg, dein Volk wird dich befreien!

So ist es in einem Land, in dem der Ruf nach Liberalismus immer schon aufs Engste verknüpft gewesen ist mit der Entfesselung xenophober Menschenfeindlichkeit: "Save Darfur!"-Betreiber Felix Möser (1 , 2) , dessen Bekanntschaft ich ja nun gemacht habe, aber dem ich solchen Exzess eigentlich nicht zugetraut hätte, geht auf Türkenderjagd in "Berlins Problemkiezen, in Wedding oder Neukölln, wo Armut, Arbeitslosigkeit und Ausländeranteil besonders hoch sind". Der neugeborene Liberale verlinkt auf seinem Blog - der sich mehr und mehr als eine Art Tierschutzprojekt für kleine Mohren zu entpuppen scheint - unter dem Titel "Die Kinder des Dschihad" einen Artikel aus dem investigativen  Berliner Tageblättchen "Der Tagesspiegel". Dieser Artikel spricht Felix offensichtlich zutiefst aus der Seele, gibt er doch die Möglichkeit tiefeingesessenen Hass gegen Türken gemeinsam mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu genießen: Über den "Terror der türkisch-arabischen Gangs" wissen die Leserbriefe zu berichten, man habe "wut auf derartiges gesindel", "ENDLICH macht mal eine Zeitung den Mund auf", "mit hartem Durchgreifen" gilt es sich nun der "Pest" zu entledigen - "man redet halt nicht drüber, weil man dann gleich als Nazi dasteht" (Alle Zitate aus den angehängten Leserbriefen). Der Artikel bietet den notwendigen Zündstoff: "Tagesspiegel"-Autorin Katja Füchsel lässt nichts aus, im besten Redaktionsdeutsch zum allgemeinen Volksaufstand gegen "arabisch-türkische Jugendliche" aufzurufen: Hierbei entspricht der Abschlusssatz "„Gegen diesen Gewaltexzess der arabischen Jugendlichen sind unsere Kinder einfach machtlos“, sagt eine Mutter aus Gatow. Erst neulich stand ihr 17-Jähriger, sonst so friedliebender Sohn vor ihr und wünschte sich nach einem Streit in einem Kreuzberger Döner-Imbiss nur eines: Endlich mal richtig zuschlagen zu können." dem oben benannten Aufruf zum "harten Durchgreifen", der Hinweis "Bei den gewalttätigen Jugendlichen ausländischer Herkunft handelt es sich um eine sehr kleine Minderheit – doch es gelingt ihr offenbar zunehmend, unter den Gleichaltrigen Angst und Schrecken zu verbreiten." ist das Pendant zur paranoiden "Nazi"-Vorwurfs-Angst, die den Leser umtreibt.

Man mag von den in dem Artikel geschilderten Vorfällen halten was man möchte. Sofern es bloß im Ansatz stimmt, dass es sich unter Migranten eingebürgert hat, ihrer Ethnifizierung durch die Jagd auf "Scheiß-Deutsche" und "Drecksjuden" Vorschub zu leisten, gilt es dies vehement abzulehnen, der Ruf nach Schutz für die Betroffenen solcher verbalen und physischen Attacken ist zweifelsohne berechtigt, die Emphatie für die benannten antisemitischen Fußtrupps darf nicht einmal den Nullbereich erreichen. Was Felix Möser allerdings im Schulterschluss mit dem Berliner Pogrompöbel betreibt, ist Aufruf zum Amoklauf, die geistige Antizipation eines Rostock-Lichtenhagen - und darin gilt es ihn, sowie jeden anderen Vulgärrassisten auch, wo es bloß geht, zu behindern.

24 Kommentare 30.1.07 14:04, kommentieren

Externe Debatte mit abdel kader

Wen es interessiert: im Kommentarbereich von abdel kaders Artikel "Yigal Amir Fanclub" quatsche ich ein bisschen mit ihm über Grundlagenfragen der antideutschen Kritik.

1 Kommentar 29.1.07 13:07, kommentieren

Kommentar: "...die Einstellung des Autors gegenüber den Deutschen."

Meine Streifzüge durch das Warenuniversum von Amazon.de hat mir einen netten Einblick in das Weltbild seiner Redaktion beschert. Dan Diners "Feindbild Amerika" , eines der Standartwerke über deutsch-europäischen Antiamerikanismus, ist seitens der amazon.de-Redaktion mit einer Rezension gewürdigt worden: Nun liegt es im Wesen der projektiven Amerikafeindlichkeit, sich selbst als durch und durch realistisch, seine Kritiker allerdings als verkorkste Störenfriede zu betrachten. Horchen wir den Worten des Rezensenten und erleben wir wie ein lebloser Gegenstand - ein Buch - Macht über seinen Leser gewinnt und ihn geschickt und doch willenlos zur Weißglut treibt:

"Den Deutschen schlechthin als notorischen Antiamerikanisten abzustempeln, erscheint realitätsfremd. Denn die deutsche Jugend findet ihre Idole in der amerikanischen Popkultur, ihre Eltern huldigen der amerikanischen Lebens- und Unternehmenskultur und ihre Großeltern verdanken die Wiederherstellung und Bewahrung von Frieden und Demokratie der amerikanischen Freiheitskultur. [...]"

So schwatzt die deutsche Ideologie aus ihren Sprachrohren, so verklärt ein legitimer Nachfolger des Volksgenossen sein eigenes Unbehagen und das aller anderen in echte, hoch beschworene Sympathie. Solcherlei "Lippenbekenntnisse" (Dan Diner) greifen bereits vor auf das was noch kommen soll. Lauschen wir also weiter, wie der Rezensent ungewollt Diners Ausgangsthese bestätigt:

"Der Deutsche war, ist und bleibt im Wesentlichen antijüdisch und antimodern -- ergo antiamerikanisch. Und er steht damit in einer langen Tradition, die bis in die Romantik zurückreicht. So lautet, überspitzt formuliert, die These des in Jerusalem" - Anmerkung: Gemeint ist hier, was Antisemiten seit jeher meinen, wenn sie ihre imaginierten oder tatsächlichen Kontrahänten aufdeckenderweise als "der Jude Freud", "der Jude Heine", usw. beschreiben - "und Leipzig" - und frecherweise auch noch in Deutschland, möchte er sagen - "lehrenden Professors, zu deren Untermauerung ihm noch die geistesgeschichtlich unbedeutsamsten Wirrköpfe als Kronzeugen gerade recht kommen."

So etwas zu lesen macht wenig Freude, in solchen Sätzen reproduziert sich auf wenigen cm der gesamte Katalog amerikafeindlichen bis hinreichend antijüdischen Heimatschutzes. Aber ich möchte Zurückhaltung üben und Amazon-Redakteur Roland Detschs Abschlussworte für sich selbst sprechen lassen:

"Als wirklich kritikwürdig an den USA fällt Diner eigentlich nur die Todesstrafe ein. Dass die zweifellos bewahrenswürdigen amerikanischen Ideale durch das Grassieren von Rassismus, protestantischem Fundamentalismus, missionarischer Intoleranz, penetrantem Patriotismus, weltanschaulichem Manichäismus, imperialer Selbstherrlichkeit oder unilateraler Selbstgerechtigkeit konterkariert werden, übersieht er geflissentlich. Ähnlich wie beim Totschlagsargument Antisemitismus in der Diskussion über Israel wird hier jegliche auch noch so konkrete Kritik sozioökonomischer und politischer Missstände über den Antiamerikanismus-Kamm geschoren."

Wer möchte da noch mehr verlangen? Roland Detsch ist das Paradebeispiel eines neudeutschen, autoritätsfixiert-libertären Amerikahassers, dem die Verhältnisse einen imaginären Maulkorb überstülpen: "Penetriert" von Amerikaflaggen, die mehrere tausende Kilometer über dem Ozean in Vorgärten wehen, schwer beleidigt darüber, dass sich die doofen Amis gar nicht um ihn und seine identitätsgestörte Nation kümmern oder ihnen - wenn überhaupt - bloß mit "missionarischer Intoleranz" und "imperialer Selbstherrlichkeit" begegnen. Aber da haben die Amis und ihre, in Jerusalem und Leipzig lehrenden Professoren ja nicht mit dem kruppstahlharten Roland Detsch gerechnet, denn der lässt sich vom "Totschlagargument Antisemitismus" in seiner "noch so konkreten Kritik sozioökonomischer und politischer Missstände" nicht überrollen sondern überführt die abstrakt daher redenden Kritiker konkret, sachlich, präzise und ohne Umschweife ihrer Volksfeindlichkeit:

"Über die Beständigkeit eines Ressentiments lautet der Untertitel des Buches -- und charakterisiert damit unabsichtlich die Einstellung des Autors gegenüber den Deutschen."

9 Kommentare 25.1.07 16:02, kommentieren

Bigmouth dreht frei!

Obwohl ich bigmouth' dissidente Art durchaus zu schätzen weiß, ist seinerseits mit diesem Beitrag ein Bereich betreten, für den ich ihm gut und gerne links und rechts eine runterhauen würde. Bigmouth nimmt die MySpace-Freundesliste von irgendeinem Antideutschen zum Anlass, einen - wahrscheinlich sogar als Tabubruch vorgestellten - Antisemiten-Jargon an den Tag zu legen, wie ich es ihm - bei aller Skepsis gegenüber seinen Grenzgängen - nicht zugetraut hätte. Nicht bloß, dass er die Einzelperson David Ha'ivri, die er als "Faschisten" versteht zum Anlass nimmt, von einem "israelischen Faschismus" zu schwadronieren, wie es manch einem linken Antisemiten helle Freude bereiten würde, bigmouth nutzt sogar freudig die Gelegenheit endlich einmal einen Israeli in die Nähe des Nazi-Presseorgans "Der Stürmer" zu rücken. Solche Statements haben nichts mit einer Beurteilung rechtsorientierter Flügel der israelischen Gesellschaft zu tun - von denen es sich hierzulande so oder so ganz einfach fernzuhalten gelten sollte - sondern sind billige Propaganda, die einzig dem Zwecke dienen soll, eigenem Ressentiment gegen Sympatisanten Israels Luft zu machen - und für sowas auf "israelischen Faschismus" zu rekurieren, kann für mich durchaus ein Grund sein, jemandem das gute Verhältnis aufzukündigen. Bigmouth, mach dir mal tüchtig Gedanken!

6 Kommentare 22.1.07 00:06, kommentieren

Überhöhte Bekanntmachung: Kommentare ab jetzt zulässig

Da zahlreiche Beschwerden über die fehlende Kommentarfunktion an mich getragen wurden - Vgl.: 1, 2 und zuguterletzt 3 - habe ich beschlossen, insbesondere im Hinblick auf Felix Mösers verlockend wirkendes Versprechen, mir meinen Nachtrag zu "Darfur und antideutsche Politik" "nur zu gerne [zu] beantworten", den Kommentarbereich ab jetzt für die Allgemeinheit zugänglich zu machen. Ich werde mich mit der Löschung von Kommentaren weitestgehend zurückhalten.

10 Kommentare 19.1.07 21:59, kommentieren

Gedankenabriss: Faschismusbegriff

Nachdem mir nun schon Leute vorwerfen, lediglich Reproduktion statt Eigendynamik auf meinem Weblog (ob es überhaupt einer ist, steht mittlerweile auch schon zur Disposition ) zu betreiben, möchte ich zwischen die ganze nervenaufreibende Diskussionskultur mal wieder ein Gedankenfragment einschmeißen:

 

Der Faschismusbegriff, wie er vom bürgerlichen bis ins linke bzw. kommunistische Spektrum für verschiedenste, geschichtliche Gesellschaftsformationen genutzt wird, ist Humbug. Weder werden damit  hinreichend der National Sozialismus, noch der politische Islam, noch die panarabistisch-nationalistischen Bewegungen oder womöglich sogar das stalinistische Russland gekennzeichnet. Die faschistische Ideologie, wie sie in ihrer Entstehung von Zeev Sternhell nachgezeichnet (1 , 2) wurde verbindet völlig andere Konstellationen von Ideologien, ein anderes Verhältnis zu Ästhetik und Moderne und vor allem eine andere Stellung zum kapitalistischen Gesellschaftsprozess. Auch Antisemitismus als konstitutives Element der nationalen Gemeinschaft ist im historischen Faschismus mussolinischer Prägung nicht zu finden.

1 Kommentar 19.1.07 15:36, kommentieren

Erweiterung: Debatte mit bigmouth

Nun hat sich in meine Debatte mit "bigmouth" eine weitere, anonyme Person zwischengeschaltet. Dankenswert ist allein schon die Tatsache, dass der Schreiber sich wenigstens die Mühe gemacht hat, zwischen meinen Kommentaren und jenen Grigats bzw. Küntzels zu unterscheiden, bzw. die Zusammenhänge richtig zu erkennen. Ich möchte dem Menschen daher eine ausführliche Antwort seiner Diskussionsbeiträge zukommen lassen. Ich werde seine Beiträge ohne die jeweiligen Bezugszitate wiedergeben, diese sind für jeden in bigmouth' Kommentarbereich zu finden.

 

Anonymous schreibt:

"Ja was nun? Grigat schreibt also, dass die Motivation der Attentäter vom 11.9. in erster Linie, überwiegend, whatever, eine antisemitische war! Also ist für Grigat dieser Anschlag im wesentlichen ein Antisemitischer.
Oder hab ich das wieder falsch verstanden?"

 

Meine Antwort:

Selbstverständlich kann ich nur begrenzt hinter Grigats Stirn gucken, doch meine ich, dass für einen Kenner des Verhältnis von Antisemitismus und Antiamerikanismus klar auf der Hand liegen dürfte, dass - wenn er den Anschlag als antisemitischen benennt - andere Bedeutungsebenen dadurch keineswegs aus der Welt sind. Würden wir Grigat persönlich fragen, nehme ich an, dass er darauf verweisen würde, dass bisher wohl die Wenigsten die explizit judenfeindliche Dimension des Anschlages zur Kenntnis genommen haben und es daher vonnöten ist, sie hervorzuheben. Meine Gegenfrage wäre nun: Hätte er den Anschlag als "antiamerikanischen" bezeichnet, hätte er damit seine "wesentliche" Intention besser getroffen? Hätte er ihn womöglich - wie bigmouth es rationalisiert - auf die Truppenstationierung in Saudi Arabien beziehen sollen um seiner Wesentlichkeit näher zu kommen? Ich behaupte: Für die Frage nach den vorwiegenden Intentionen gilt es die individuellen und institutionellen Eigenaussagen der Urheber besonders aufmerksam ins Licht zu rücken. Wenn Mohammed Atta, sowie Osama Bin Laden darin übereinstimmen, dass das WTC als Symbol für die uneingeschränkte Macht der Juden gestanden hat - und solch übereinstimmende Aussagen gibt es in Bezug auf Saudi Arabien z.B. nicht - dann ist dies für mich schon ein recht eindeutiges Indiz, dass die Betitelung als "antisemitisch" durchaus plausibel macht.

 

Anonymous:

"Auch wenn ich weiß, dass der Text nicht von dir ist, lohnt es sich ja vielleicht mal reinzuschauen. Was macht der Küntzel denn da? Mal sehen, da steht nämlich z.B. sowas:

(...)

Küntzel schmeißt hier gleich mehrere verschiedene Sachen in einen Topf: Den Antisemitismus Attas, den seiner “Anleiter und Finanziers” (ist sone Formulierung nicht eigentlich schon strukturell… ach, lassen wir das… ) und den der Hamas Selbstmordattentäter in Israel/Palästina."

 

Meine Antwort:

Zunächst einmal halte ich den misslungenen Seitenhieb bzgl. "ist sone Formulierung nicht eigentlich schon strukturell… ach, lassen wir das…" für absolut fehl am Platze, darin zeigst du m.E. eine ganz schöne Ignoranz gegenüber brauchbaren Antisemitismusanalysen.

"In einen Topf" hat Küntzel gar nichts geschmissen, sondern er hat lediglich zwei miteinander in einer ideologischen Korrespondenz stehenden terroristischen Gruppierungen in einer ihrer zentralen Methoden zur Forcierung politischer Ziele - dem Suicide Attack - auf einen Allgemeinbegriff gebracht: "[D]as Muster des suizidalen Massenmords" wie Küntzel es nennt. Über diesen Allgemeinbegriff ließe sich sicherlich diskutieren und inwieweit er brauchbar ist um strukturelle, organisatorische und gesellschaftliche Ebenen zu erfassen ist sicherlich auch nachzufragen, aber so wie in einem Topf - bis zur Untrennbarkeit durcheinanderfließend - geht es in Küntzels Text nicht zu.

 

Anonymous:

"Küntzel mutmaßt: Da besteht ein Zusammenhang! Nur welcher? Alle Attentäter waren Muslime - vermutlich - schließlich sind sowohl Hamas, als auch Al-Quaida islamistische Organisationen. Welche Gemeinsamkeiten bestehen noch? Natürlich, wie die Anschläge durchgeführt wurden: Es handelt sich um Selbstmordattentate. Und welche Gemeinsamkeit findet Küntzel noch? Die antisemitische Intention der Attentäter. Nun lässt sich nicht abstreiten, dass sich die Anschläge in Israel vorallem gegen Juden richteten. Das lässt auf eine antisemitische Intention schließen."

 

Meine Antwort:

Das ist Blödfug. Nicht, dass es tatsächlich Juden trifft in Israel ist die antisemitische Komponente sondern dass es sie treffen soll und es im Bewusstsein der Attentäter auch tut ist der springende Punkt, der dem Anschlag auf die Diskothek in Tel Aviv und auf die Pizzeria in Jerusalem den antisemitischen Charakter verleiht. Und darin läge die ideologische Korrespondenz mit den Attentätern des 11. September: Auch sie waren der Ansicht, einen Stoß inmitten das Herz des Judentums zu vollziehen.

 

"Bei den Anschlägen in New York fällt dieser Schluss allerdings weniger leicht. Er funktioniert nur wenn man a) die Aussagen der Lesekreis-Brüder von Mohammed Atta (die übrigens immer noch keinen Rückschluss auf die Motivation seiner “Finanziers und Anleiter” erlaubt) heranzieht, b) vollkommen ausblendet in welchem Kontext Selbstmordattentate in Israel/Palästina stehen (die im übrigen keine islamische Erfindung sind und auch nicht nur von Islamisten eingesetzt werden - schließlich haben sich auch schon Tamil Tigers oder PFLP-Aktivisten in die Luft gesprengt)"

 

Meine Antwort:

Sehr wohl kann ich dir zustimmen, dass wir keineswegs ein und denselben Täterkreis vorliegen haben, sie aber doch ganz eindeutig eine gemeinsame Bewusstseinsstruktur zu attestieren ist. Osama bin Laden selbst spricht in seinem "letter to America" in den Passagen über Israel einen dem Jargon der Hamas aufs Engste verwandte Sprache. Im Antisemitismus - der ja schon immer ein wunderbares Bindeglied zwischen religiösen und säkularen Bewegungen geboten hat - finden diese Strömungen eng zusammen und machen daher Küntzels Beharren auf einer Stringente in meinen Augen durchaus plausibel.

 

Anonymous:

"c) mit beidem im Zussamenhang stehend die infame Behauptung aufstellt es gebe einen spezifisch islamischen Antisemitismus:

(...)

Hier behandelt Küntzel nicht etwa den Bezug der antisemitischen Muslimbrüder auf den Islam, d.h. also die religiöse Rechfertigung ihrer antisemitischen Ideologie. Nein: Küntzel unterstellt, wie ein Großteil seiner post-antideutschen Genossen, einen spezifischen antisemitischen Gehalt des Islams. Das verwundert, wenn man Küntzels These kennt, dass es eben vor den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts im Einflussgebiet des Islams kaum Antisemitismus, ja kaum einmal eine religiöse Feindschaft gegen Juden gab! Was Küntzel hier macht ist unwissenschaftlich - er löst aktuelle wie historische Ereignisse aus ihrem jeweils eigenen Kontext und ordnet sie systematisch so, dass sie in die aktuelle Feindbildkonstruktion passen.
In den Geschichtswissenschaften, bzw. ihrer popularisierten Abteilung sind solche Methoden ja leider normal. Geschichte wird eben so sortiert, so dass sie gerade passt. So entstehen dann Verschwörungstheorien in denen “ja alles irgendwie Zusammenhängt”."

 

Meine Antwort:

Ich stehe schon seit einiger Zeit vor der Frage, wieso und warum sich Kritiker der "Postantideutschen", wie es so schön heißt, derartig gegen die Begriffe "islamischer Antisemitismus" bzw. "arabischer Antisemitismus" zur Wehr setzen. In meinen nun mittlerweile etwa 3 Jahren umfassenden Beschäftigungen mit Antisemitismusanalyse war ich es immer gewöhnt, die Übergangsphasen der historisch-religiösen Judenfeindschaft zum modernen Antisemitismus mit Begriffen wie "christlichem Antisemitismus", o.ä. zu umkreisen. Genau genommen ist dieser Begriff auch nicht unfehlbar, kann er doch kaum miteinbeziehen, dass zwischen dem Antisemitismus lutheranisch-protestantischer Tradition und katholizistischem mitunter meilenweite Unterschiede liegen oder auch, dass bestimmte Flügel des Christentums seit Luther quasi vollkommen frei geblieben sind von judenfeindlichen Kontinuitäten. Auch der Bezug auf die Begriffe des "deutschen", "polnischen", "lettischen" Antisemitismus, die ja schließlich auch nicht jenen Völkern im Blute liegen sondern eine historische Genese hinter sich haben, wurden von Kritikern eigentlich nie problematisiert. In Bezug auf den Antisemitismus in arabischen (oder auch afrikanischen) Ländern islamischer Religionsgeschichte scheint dies ein absolutes Tabu zu sein und ich verstehe nicht, wieso. Was für ein Begriff von Nationalität und Religion liegt da zugrunde, wenn alle Bemühungen darauf ausgerichtet sind - manchmal mit einem Rückbezug auf Theologie, dass es mir graut - den Nachweis zu erbringen, dass bestimmte Formen von Judenfeindlichkeit unter keinerlei Umständen eine auf die gesellschaftlichen Begriffe "islamisch", "libanesisch", "türkisch" oder "iranisch" zu beziehende Dimension haben können? Geht den Theoretikern da abhanden, dass solche Gemeinschaftsideologien immer historische Produkte sind, deren Ausformungen letztendlich ebenso auf "äußere" wie auf "innere" Einflüsse zurückzuführen wären, weil Ideologiekritik gerade solche imaginierten Grenzbereiche in Frage zu stellen hätte?

Die antideutsche Gruppe Cafe Morgenland, deren Texte ich in Bezug auf diese Fragestellung immer als gelungene Interventionen empfunden habe, schrieb dazu einmal:


"Es bleibt dabei: Antisemitismus ist kontextunabhängig (unabhängig von Herkunft, Religion, Nationalität, Hautfarbe und Geschlecht) anzugreifen. Dies bedarf keiner Begründung – weder auf den Islam, noch auf die türkische, arabische oder sonst wie Herkunft. Wird dies und genau dies (Herkunft, Religion usw.) aber in den Mittelpunkt gestellt, oder gar zum Ausgangspunkt im Kampfe gegen den Antisemitismus gemacht, hat es nicht im Geringsten mit der Bekämpfung des Antisemitismus zu tun, sondern dient ausschließlich als Vorwand und Legitimation zur Gestaltung von schäbigen, linksdeutschen Pogromen."

 

Diese Argumentation finde ich nicht einleuchtend, denn: Antisemitismus ist nicht in Polen der gleiche wie in Deutschland und im Iran nicht der gleiche wie in Belgien. Die Rede von einem deutschen Antisemitismus war seit jeher notwendig um die Spezifik zu verdeutlichen, die den Antisemitismus in Deutschland seine explizit modern-eliminatorische Dimension gegeben haben. In Polen z.B. haben wir es beiweitem mehr mit einem katholizistisch geprägten Judenhass zu tun. Während der deutsche Antisemit seinen Bezug wesentlich deutlicher auf Volks- und Blutsebene bezieht, stehen im polnischen Antisemitismus religiöse Denkfiguren im Vordergrund. Ich denke, ich - und, um den Bogen zurück zu schlagen: dies gilt auch für Küntzels Beitrag - überdehne dieses Gedankengebäude nicht, wenn ich es auf die arabischen Länder und die dort bestehenden national- bzw. religionskulturellen Ideologien beziehe. Die historische Genese nachzuarbeiten, die Frage zu formulieren, warum die arabischen Gesellschaften eine derartige Offenheit für den europäischen Antisemitismus an den Tag gelegt haben und ihn völlig autonomen dahingehend erweitert haben, seine zentralen "Thesen" auf den islamischen Glauben und regionale Nationalismen zu beziehen, ist ein legitimes Unterfangen dass sicherlich dem Begriff des "islamischen Antisemitismus" seine Grenzen geben würde, aber daraus zu folgern, es gäbe ihn nicht halte ich für absolut realitätsfremd. Denn darin dürften wir uns wohl einig sein: Bin Ladens (oben verlinkter) "letter to America" ist keineswegs ein lediglich mit europäischem Antisemitismus gespicktes Pamphlet sondern eine ganz eigentständige und lediglich strukturell auf den historischen Antisemitismus z.B. Deutschlands bezogene Form des Judenhasses.

 

Anonymous:

"Sozialwissenschaftlich ist die Bildung eines Konstrukts wie das des antisemitischen islamistischen Selbstmordattentäters höchst zweifelhaft und angreifbar. Es erfüllt das Kriterium einer zunächst fallimmanenten Interpretation des Handelns der Akteure nicht, es lassen sich einige Argumente anführen, dass die Differenzen zwischen den Akteuren die hier als Belege für die Existenz eines solchen Typus angeführt werden, die Gemeinsamkeiten überwiegen. So war Mohammed Atta, z.B., kein Palästinenser, noch sind es seine “Hintermänner” - es lässt sich aber bezweifeln das eine Analyse der Motive der Hamas und ihrer Attentäter vornehmen lässt ohne auf die israelische Besatzungspolitik und das gleichzeitige (möglicherweise eben nicht ursächlich darin begründete) Aufsteigen der Hamas zumindest Bezug zu nehmen usw..

so. vielleicht später mehr dazu, muss jetzt weg."

 

Meine Antwort:

Allerdings - und darin liegt m.E. deine Fehlannahme in Bezug auf Küntzel - geht es in dem Text nicht um den "antisemitischen, islamistischen Selbstmordattentäter" sondern um ein gewisses Strukturmoment antisemitischer Terroranschläge.

Und so wie du jetzt weg bist, habe ich gerade nicht mehr Lust, noch weiter zu schreiben. Ich danke dir für deine ausführlichen Kommentare.

1 Kommentar 18.1.07 16:45, kommentieren

Nachtrag: Darfur und antideutsche Politik

Da ist mir offensichtlich vollkommen durch die Lappen gegangen, dass ein Betreiber des "Save Darfur!"-Blogs eine - ich nenne es mal recht höflich und nicht unbedingt realitätsgerecht - Antwort auf meinen Artikel "Darfur und antideutsche Politik" verfasst hat. Ich möchte dem "Genossen" Felix Möser nur ungerne seine Illusionen rauben, aber doch halte ich einige Richtigstellungen für notwendig:

 

1.) Dieser Blog wird von einer Einzelperson unter dem Titel "Dissensprinzip" betrieben und nicht von ""Genossen" von kritik und polemik" (Möser).

2.) Felix Möser ist auf dem Holzweg, wenn er mich in ein schwarzes Halstuch und eine kleine putzige Wollmütze steckt.

3.) Ich habe niemals geschrieben, dass die Betreiber eine Demonstration organisieren sollen.

4.) Der Abschlusssatz ist nicht "durch und durch falsch" (ich fühle mich schließlich der Kritik des "Falschen" verpflichtet, wie Herr Möser weiß ) sondern lediglich grammatisch ein bisschen holperig. Möser darf das nächste Mal aber gerne auch einfach "Lern erstma deutsch!" sagen, wenn er das meint, anstatt um den heißen Brei herumzureden. By the way: "Kritit an der Politik" habe ich ganz bestimmt nicht praktiziert.

 

Dies zu den rein faktischen Mängeln. Nun zu seinen - ich bleibe höflich aber nicht unbedingt realitätsgerecht - Ausführungen zu meiner durchaus noch solidarisch formulierten Kritik am Projekt "Save Darfur!". Offensichtlich ist es für Möser ein ganz unerträglicher - und somit zwingend zu vermeidender - Gedanke, dass die Ohnmacht gegenüber Verhältnissen wie jenen in Darfur keineswegs jegliche Formen von Intervention sinnvoll machen: Der Versuch im Schulterschluss mit der deutschen Bundesregierung und der UNO gegen islamische Reiterbrigaden vorzugehen, also einen Appell ausgerechnet an jene Regierung bzw. Institution zu tragen, die seit Jahren dafür bekannt sind, islamistischen und panarabistischen Organisationen und Regimen mehr oder minder direkt die Tür zu öffnen, gehört ganz eindeutig in jene Abteilung von nicht sinnvoll zu kriegenden Unternehmen. Den Begriff "Demokratie" einfach mal zackig positiv zu konnotieren und jene, die die reale Ohnmacht beim Namen nennen als "antidemokratisch" zu diffamieren, ändert an diesem Sachverhalt rein gar nichts. Und so beende ich diesen Post ganz folgerichtig mit dem Hinweis, dass sich "Kolaboration" mit zwei "L" schreibt und mit der Bitte, dass Felix Möser doch bitte ein bisschen mehr nachdenken soll, bevor er sich hinter die Tastatur klemmt. Dann bin ich auch gerne bereit, mit ihm ganz nett und freundlich ein paar Worte über Darfur zu reden - womöglich am 27.01. in Oberhausen wenn ich Zeit und Lust habe.

1 Kommentar 17.1.07 21:58, kommentieren

Debatte mit bigmouth

Dem Weblog von "bigmouth" ist aktuell die Jammerei zu entnehmen, dass Stephan Grigat "leider" - schwere Zeiten sind das in denen man sich von Veranstaltungen belästigt fühlt, die man nicht besucht - wieder in Oberhausen zwei Vorträge halten wird. Da die Kommentarleiste von blogsport mit einem übersensiblen Spamschutz bzw. einer Freischaltungsfunktion versehen ist, protokolliere ich hier meine - durchaus widerstrebend geführte - Diskussion über bigmouth' Beiträge:

Um ganz ehrlich zu sein: ich hatte nicht vor, an dieser Stelle über deine Einwände zu diskutieren, dafür gibt es schließlich die Veranstaltung. In aller Kürze: Mit welcher Ambivalenz die Westbindung vonstatten gegangen ist ( Vgl: Heinz Bude / Bernd Greiner: "Westbindungen" ) dürfte dir auch bekannt sein und das eine Revision der Nachkriegsordnung - z.B. in Bezug auf die Zwei-Staatlichkeit Deutschlands - durchaus zu den obersten Interessen der deutschen Außenpolitik gehörte, würde ich ebenso unterstreichen. Die Nachweise, dass 9/11 antisemitische Intentionen zugrunde lagen, haben andere Autoren durchaus plausibel dargestellt, diese Autoren lassen sogar den von dir so geschätzten Bin Laden zu Wort kommen:

 

"Osama bin Laden zufolge hat der jüdische Feind „Amerika und den Westen als Geisel genommen.“ „Die Juden“, erklärte er im Oktober letzten Jahres in seinem Brief an das amerikanische Volk, „beherrschen alle Bereiche eures Lebens und … verfolgen ihre Ziele auf eure Kosten.“ " ( Matthias Küntzel, "Deutsches Schweigen" )

 

Merke: Osama sorgt sich im Gegensatz zu völkischen Nationalisten sogar um das Wohl und Wehe des amerikanischen Volkes und sieht es lediglich in den Klammern des internationalen Judentums.

Wikipedia weiß auch noch etwas zu Osamas Judenbild :

 

"Am 23. Februar 1998 unterzeichnete er gemeinsam mit Aiman az-Zawahiri und anderen ein Manifest zur Gründung einer Internationalen Front für einen Dschihad gegen die Juden und Kreuzfahrer, in der der Kampf gegen die USA zur Pflicht eines jeden Muslim erklärt wird."

 

Zu den Terroranschlägen in New York sagt Wikipedia Folgendes :

 

"Die Al-Qaida steht ideologisch einer fundamentalistischen Variante der Wahabiten nahe, deren Heimat Saudi-Arabien ist. Sie sehen die USA als Ursprung einer angeblichen „jüdischen Weltverschwörung“, die sie mit dem Zionismus und dem Staat Israel gleichsetzen. Das WTC galt ihnen als Symbol einer „geballten Finanzmacht der Juden“, die nach ihrer Meinung die Finanzmärkte der Welt „lenken und skrupellos für ihre Herrschaftsabsichten benutzen“ würden."

 

Wenn du es für sinnvoll hälst, diese Aspekte als "unwesentlich" zu beseitigen, dann wärst du auf der Oberhausener Veranstaltung eh nicht besonders gut aufgehoben sondern solltest weiterhin nach Erklärungsmustern, die diese Tat als Reaktion auf eine Truppenstationierung runterbrechen, suchen. Vielleicht mag dem Erklärungsansatz abhanden gehen, dass der "Symbolcharakter" des Anschlags etwas weitreichender ist als der Bezug auf Saudi-Arabien es deutlich macht, aber ich befürchte darum geht es dir eh nicht. Wie dem auch sei: Die Diskussion wäre es mir bei Weitem lieber in einem geeigneten Rahmen zu führen, Samstag wäre eine Gelegenheit dazu.

Wenn du ein Problem mit dem Titel hast: Frag Grigat doch einfach mal selber, ich wäre drauf und dran, dafür zu sorgen, dass dir der Eintrittspreis erlassen wird, bloß damit ich mir das ansehen darf.

Und was du die ganze Zeit mit der bitterbösen Kunstreich-Veranstaltung hast, weiß ich ehrlich gesagt überhaupt nicht. Bis darauf, dass dir ein, wohl in deinen Augen authentischer Antideutscher gesagt hat, dass er die Veranstaltung ganz blöd fand, hast du bisher eigentlich nichts dazu gesagt. aber in den ganzen Kommentaren hier (Anm.: In Bezug auf seinen Beitrag) geht es glaube ich eh nicht um die frage danach, ob sich unter den ruhrgebietlichen Antideutschen gute Köpfchen befinden, sondern bei Weitem mehr um eigene Identitätsvergewisserung.

Nachtrag:

bigmouth konfrontiert mich nun - anstelle von Stephan Grigat oder Matthias Küntzel, wie es vernünftig wäre - mit der Nachfrage, ob der Anschlag als "wesentlich" antisemitisch zu bezeichnen ist. Ich möchte die Frage folgendermaßen beantworten: Der Einzige, der bisher den Anschlag als wesentlich antisemitisch tituliert hat, ist bigmouth selbst ( "(...) oder erklären, warum 9/11 im wesentlichen eine antisemitische tat sein soll (...)" ) und nicht Stephan Grigat. Der schreibt zwar sehr wohl, das Massaker sei ein antisemitisches, würde aber wohl kaum abstreiten, dass es z.B. auch ein amerikafeindliches ist. Über sein "Wesen" gibt Grigat keinerlei Auskunft. Ebenso hat bigmouth offensichtlich meine Antwort nicht richtig gelesen, schließlich ist nur ein Zitat aus dem Text "Deutsches Schweigen". Ganz am Rande: 50% (wie er etwas großzügig schätzt) sind ein Anhang zum eigentlichen Text, nämlich Auszüge aus der Charta Der Hamas. In meinem ebenfalls verlinkten Text "Djihad und Judenhass" steht nicht bloß die Al-Quaida sondern Mohammed Atta himself im Vordergrund der Untersuchung. Und das seiner Wenigkeit ein "nationalsozialistisches Weltbild" (Teilnehmer seiner Koran-Runde) attestiert wurde, spricht - und nun wird es sogar für die nie aufgestellte Behauptung interessant - deutlich für eine wesentlich antisemitische Intention. Dies schlussendlich zu beurteilen, liegt allerdings nicht in meiner Kompetenz, aber vielleicht bringe ich es Samstag zur Sprache, während andere dem Hornochsen Bernhard Schmid zuhören, wie er sich darüber auslässt, dass manche Antideutsche es ja echt ein bisschen zu weit treiben, gar nicht mehr wirklich links sind, alles toll finden was Israel und die USA machen, jede soziale Bewegung sofort als antisemitisch diskreditieren und dafür plädiert, dass man ja schon noch einen Mittelweg finden kann zwischen denen und den Antiimperialisten, die man ja auch nicht wirklich gut finden darf - kurz gesagt: inhaltsentleerte Identitätssucherei betreibt.

1 Kommentar 17.1.07 13:22, kommentieren